„Historischer Moment“: De la Fuente nach dem Sieg gegen Deutschland. © IMAGO
München – Es war ein durchaus cleverer Schachzug vom SV Aasen, dem spanischen Nationaltrainer ein Geburtstagsgeschenk zu übergeben, mit dem man eigentlich nichts verkehrt machen kann. Eine sogenannte „Männer-Handtasche“ hat Luis de la Fuente am 21. Juni auf dem EURO-Trainingsgelände seines Teams in Baden-Württemberg bekommen, das heißt: sechs Flaschen Bier in einem praktischen Träger aus Pappe. Das Besondere: Die Gastgeber haben jedes einzelne Getränk beschriftet. Mit dem ersten durfte de la Fuente auf sich selbst anstoßen, das zweite nach dem Gruppensieg trinken, das dritte nach dem Achtelfinale, das vierte nach dem Viertelfinale – und es ist nur logisch, wohin das ganze führen sollte. Es bietet sich schließlich an, die höchsten Ziele zu stecken, wenn de la Fuente an der Seitenlinie steht.
Der Mann, der nach dem unrühmlichen Achtelfinal-Aus Spaniens bei der WM in Katar eigentlich als Verlegenheits-Lösung übernahm, ist inzwischen daheim nicht nur akzeptiert, sondern gar gefeiert – denn er hat dem Nationalteam jenen Stil eingehaucht, der bei der EURO am meisten begeistert. Das ist zum einen gelungen, weil er für den Anti-Tiki-Taka-Fußball steht, und zum anderen, weil de la Fuente eben ein echter Turniertrainer ist. Nach einer durchwachsenen Karriere als Klub-Trainer startete der ehemalige Verteidiger erst durch, als er sich den spanischen U-Nationalteams annahm. Mit der U19 kam er 2013 ins EM-Halbfinale, ehe er 2015 den Titel holte. Mit der U21 feierte er 2019 den EM-Sieg, ehe 2021 im Halbfinale Schluss war. Die Olympiamannschaft führte er in Tokio ebenso ins Finale, das gegen Brasilien verloren ging. Der Schluss, der sich auch während der EURO in Deutschland aufdrängt, war schon damals zu erkennen: Da weiß einer, wie man eine Auswahl coacht.
De la Fuente sprach nach dem gewonnenen Viertelfinale gegen Deutschland von einem „historischen Moment“. Noch nie ist es Spanien gelungen, einen Gastgeber zu besiegen. In solchen Momenten gilt auch im Fußball das Credo „egal wie“, lieber aber will der manchmal auch knorrige de la Fuente „seinen“ Fußball spielen lassen. Deutlich geradliniger und zielstrebiger als in den vergangenen 15 Jahren kommt die „Furia Roja“ daher. Nur in sogenannten „Do-or-Die“-Situationen, sagt de la Fuente, könne man „maximale Energie entwickeln“. Wenn man dann noch denkt wie er – als ob „jedes Spiel das letzte wäre“ –, spielt man lieber den Pass nach vorne als den 1000. zur Seite.
Das kennen vor allem Leistungsträger wie Dani Olmo, Fabián Ruiz und Unai Simón, die schon lange mit de la Fuente arbeiten – und schon das eine oder andere Siegerbier mit ihm getrunken haben.
HANNA RAIF, VINZENT TSCHIRPKE