Zwischen Held und Depp

von Redaktion

Spaniens Kapitän Morata wird in der Heimat kritisch gesehen

Schmerzhafter Moment: Nach dem Halbfinale gegen Frankreich wurde Morata von einem Ordner abgeräumt. © AFP

Ackert und rackert: Alvaro Morata reibt sich für das Kollektiv auf, trotzdem gibt es Kritiker. © AFP

Berlin – Der Steilpass ist nicht verwandelt worden, es wäre ein Leichtes gewesen, das Tor stand sperrangelweit offen, der Torwart krabbelte am Boden, „jetzt grätscht ihn sogar schon ein Ordner um“ – so eine Zeile lässt sich normalerweise niemand im Boulevard entgehen, der gerne Hohn und Spott ausschütten will.

Genau das haben spanische Gazetten zuletzt kübelweise getan: Erstaunlicherweise gingen die Anfeindungen gegen den eigenen Kapitän, Alvaro Morata geriet zunehmend ins Visier der Kritik. Zuletzt war der 31-Jährige von Atletico Madrid, der morgen Abend im EM-Finale gegen England die Furia Roja als Erster aufs Feld führt, wenig schmeichelhaft als „Heulsuse“ bezeichnet worden, als ein Kapitän, „der Spanien beschämt“ und unwürdig sei, diese Elf zu repräsentieren. Starker Tobak fürwahr.

Alvaro Borja Morata Martin ist also keiner, der besonders geliebt wird von einem Teil der Presse und der Öffentlichkeit. Man reibt sich gerne an dem Mittelstürmer, und da ist der Vorwurf, ein Chancentod zu sein, noch der harmloseste. Das geht schon eine ganze Weile so, der Mann – ein gebürtiger Madrilene, der sich im Alter von 13 Jahren Atletico anschloss, dann in der Jugend zu Getafe und von dort zu Real wechselte und dort Profi wurde – polarisiert. Er changierte zwischen Held und Depp, etwa beim letzten EM-Halbfinale 2021, als er gegen Italien kurz vor Schluss erst das umjubelten 1:1 markierte, um dann im entscheidenden Elfmeterschießen den entscheidenden Elfmeter zu verschießen.

Doch Morata, der insgesamt sieben Jahre bei Real und in jeweils zwei Aufenthalten vier Saisons für Juventus und Atletico absolviert hat und zudem zwei Jahre lang (mäßig erfolgreich) bei Chelsea auf Torejagd gegangen ist, ist keiner, den das unberührt lassen würde. In London, sagte er mal, sei er nahe an der Depression gewesen, weil er nicht zurecht kam. Gerade die jüngste Häme machte ihm schwer zu schaffen, zwei Tage vor dem Halbfinale am Dienstag gegen Frankreich in München (2:1) machte er in einem Interview mit „El Mundo“ seinem Ärger Luft beklagte sich darüber, wie mit ihm umgegangen werde. „Ohne Zweifel bin ich außerhalb Spaniens glücklicher“.

Er trage sich mit dem Gedanken, nach dem Turnier in Deutschland seinen Rücktritt aus der Nationalelf zu erklären. Ihm werde kein Respekt entgegengebracht, seinen fünfjährigen Zwillinge könne er die Wut nicht erklären, mit der ihr Vater verfolgt werde. In diese Debatte schaltete sich seine Ehefrau ein, eine Influencerin, die den Hass auf ihren Ehemann mindestens als empörend empfand: „Ihr versucht, ihn zu vernichten. Herzlichen Glückwunsch.“

Tatsächlich ist es so, dass Morata selbst professionelle Beobachtende zuweilen ratlos zurücklässt: Er vergeigt klarste und größte Chancen am Stück, um dann Tore zu erzielen, die viel schwieriger zu schießen waren. Zur Wahrheit gehört auch: Der Stürmer trifft regelmäßig, in 79 Länderspielen hat er 36 Tore erzielt, darunter auch Spaniens allererstes in diesem Turnier beim 3:0 im Eröffnungsspiel gegen Kroatien, bislang bei dieser EM sein einziges.

Er hat in La Liga in 189 Spielen 71-mal getroffen, in der Champions League 28-mal bei 82 Partien, in der italienischen Serie A stehen 35 Buden (in 130 Begegnungen) in der Bilanz. Morata ist zweifacher Champions League-Sieger, Meister und Pokalsieger in Spanien, Italien, England. Es gibt objektiv wenig Grund, an ihm zu zweifeln.

Anerkannt und respektiertwird er auch im Team der „Seleccion“. Trainer Luis de la Fuente nennt die Vorwürfe „total unfair“. Er stehe zu 100 Prozent zu seinem Spielführer. Morata gilt als im Team extrem beliebt, auf dem Platz ackert und rackert er, reibt sich auf fürs Kollektiv.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Morata in Italien, dem Land seiner Ehefrau, sehr wohl gefühlt hat, bei Juventus hat er die Zuneigung gespürt, die ihm in Spanien verwehrt scheint. „Geliebter Feind“ titelte „Gazetta dello Sport“ 2021, als beide Teams aufeinandertrafen. Insofern könnte es mehr als ein Gerücht sein: Der AC Mailand streckt seine Fühler nach Alvaro Morata aus. Heulsuse würde ihn dort niemand nennen.

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