Das dritte olympia-Einzelgold nach 2012 und 2016: Michael Jung, der beste Vielseitigskeitsreiter der Geschichte. © dpa
Traumhafte Kulisse: Vor dem Schloss Versailles behielt Michael Jung im entscheidenden Umlauf die Nerven. Die Atmosphäre empfand er als „atemberaubend“. © IMAGO
Den ersten Kuss bekam Chipmunk. Michael Jung bedankte sich bei seinem Pferd, grinste über beide Backen und musste dann erst mal noch auf die Anzeigetafel schauen. Stimmt das denn wirklich? Olympiasieger? Ja! Der Vielseitigskeitsreiter blieb nervenstark, tanzte durch den Parcours. Und belohnte sich mit der vierten Goldmedaille bei Olympischen Spielen. 21,8 Strafpunkte, hauchdünn vor dem Australier Christopher Burton mit Shadow Man (22,4) und der Britin Laura Collett mit London (23,1). „Das ist mehr wie Freude. Ich habe wacklige Knie. Ich bin so dankbar meinem Pferd gegenüber. Er hat mich wieder gerettet“, sagte Jung.
Mit einem Abwurf in der ersten Runde hatte er den Nervenkrimi vor der traumhaften Kulisse am Schloss Versailles selbst heraufbeschworen. „Michi wollte vermutlich den Spannungsbogen für das Finale hochhalten. Wir wussten, er darf keine Sekunde zu langsam sein“, sagte Bundestrainer Peter Thomsen. Für Papa Joachim Jung war es zu viel Spannung: „Das ist das erste Mal, dass ich nicht hingucken konnte. Es war so ein Druck für ihn. Alle vor ihm reiten null, und dann muss er das als Letzter auch erst mal schaffen. Die erste Runde haben ich noch gesehen, die zweite habe ich heute nicht geschafft.“
Stimme, Gewicht, es wirkte, als verständen sich Reiter und Pferd blind. „Wie Chipi sich konzentriert hat. Es ist einfach fantastisch“, sagte Jung. Sportchef Dennis Peiler ergänzte: „Das war ein absoluter Krimi. Es war wie eine Achterbahnfahrt mit einem wunderschönen Ende. Ich gönne es Michi vom Herzen, dass er seine Gold-Mission mit Chipmunk erfolgreich abgeschlossen hat.“
Jung gehört damit endgültig zu den Größten seiner Zunft, so komplett, so routiniert, so cool. „Es klingt gut, der Beste der Geschichte zu sein, das macht mich sehr stolz.“ Die erste Erfolgsgeschichte schrieb Jung mit La Biosthetique Sam FBW (der zuerst den genialen Namen Sam the Schwäbisch Man trug), es gab Olympia-Medaillen in London und Rio, zudem bei Weltmeisterschaften. 2018 ging Sam in die verdiente Rente, und Chipmunk schreibt die Goldgeschichte nun weiter. Ausgebildet übrigens von Julia Krajewski, die auf Rang elf ritt. „Der bewegt sich und springt jeden Sprung am Abreiteplatz richtig mit Kraft“, lobte Jung das Pferd.
Nach der Enttäuschung mit dem Team tut diese Medaille den deutschen Reitern besonders gut. Ein Sturz von Christoph Wahler im Gelände kostete eine fest eingeplante Medaille. Dann musste es eben wieder Mister Gold richten. „Wir haben den weltbesten Reiter in unserem Team“, schwärmte Wahler. „Ich finde es genial, was er für eine ruhige und selbstverständliche Art und Weise hat mit seinen Teamkollegen und seinem Pferd.“ Der Bundestrainer setzte sogar noch einen drauf: „Sie nannten ihn früher schon den Terminator, ich kann das nur bestätigen.“
15 000 Zuschauer sorgten für eine großartige Stimmung, sogar für eine atemberaubende, so beschrieb es Jung. „Die Kulisse hier ist monumental. Wir werden das im Dressur und Springen noch genießen. Aber durch diesen Park zu galoppieren, ist grandios. Ich habe mir die Strecke vor einem Jahr angeschaut, da war ich schon vom Schloss erschlagen. Das hier werden wir nie vergessen, das wird auf unserer Festplatte bleiben, das kann keiner kaufen“, sagte Thomson. Dem Bundestrainer war wichtig, dass sich „der Sport meines Erachtens hier schön präsentiert hat“. Burton vermutete, dass Jung die Medaille mit Jägermeister begießt, doch der Mann der Stunde freute sich einfach auf die Familie um Sohn Lio. Und kündigte an, dass er bereits auf Los Angeles 2028 schielt. Genug Gold gibt es eben nicht.
NICO SCHMITZ