Auch nach einer Nacht Schlaf hatte Angelina Köhler diesen Abend noch nicht verdaut. Als Weltmeisterin angereist, verpasste sie als Vierte im 100-Meter-Finale knapp die Medaille. Danach flossen die Tränen bei der Schmetterlings-Schwimmerin. „Ich wirke gefasst, aber innerlich sieht es noch nicht so toll aus“, sagte sie tags darauf und forderte, dass man auch vierte Plätze entsprechend würdigen muss. Schließlich stecke genauso viel Schweiß und Leid dahinter.
Und dieser vierte Platz von Paris bringt eine besondere Brisanz mit sich. 21 Hundertstelsekunden schneller war nämlich Zhang Yufei. Trotz eines positiven Tests auf ein verbotenes Herzmittel durfte sie, wie zehn weitere chinesische Schwimmer, bei den Olympischen Spielen starten. Verunreinigte Speisen in einem Hotel, so hieß die einfache Erklärung von chinesischer Seite, und die Welt-Anti-Doping-Agentur nickte artig ab. Das riesige Problem: Immer mehr Dokumente und Informationen tauchen auf, die die offizielle Darstellung widerlegen. Beispielsweise, dass die insgesamt 23 positiv getesteten Athleten gar nicht zusammen in einem Hotel gewohnt haben, wie die ARD-Dopingredaktion enthüllt.
Die WADA will neue Verdachtsmomente prüfen, doch das kommt zu spät. Die Thematik hat Einfluss auf die Olympischen Spiele und das ist ein Desaster. Die Vorfälle führen den Sport in eine Vertrauenskrise und werfen ein schlechtes Licht auf die WADA. Schaut man nur zu, während möglicherweise in China Staatsdoping betrieben wird? Klar, komplett sauber sind Spiele nie, Dopingfälle gibt es immer, aber wenn das systematisch passiert, wird es eben noch schmutziger.
Das hat katastrophale Folgen für die Athleten. „Sie hat jetzt erstmal die Medaille, es gilt die Unschuldsvermutung“, sagt Köhler: „Aber solche Sachen haben einen bitteren Beigeschmack. Ich hoffe, dass da noch was kommt.“ Oft genug ist es vorgekommen, dass Sportlern Medaillen nachträglich aberkannt wurden. Sollte das in diesem Fall passieren, hätte Köhler eine Bronzemedaille in ihrer Vita stehen. Aber sie wäre dann eben nicht mehr in Paris, hätte nicht mehr die Emotionen des Abends. Die Erlösung nach Jahren voller Leiden. In einer ausverkauften Arena mit tosenden Fans. Die Nationalhymne singend, die Medaille um den Hals, mit Freunden und Familien auf der Tribüne. Sie wäre dann um einen großen, vielleicht sogar den größten, Moment, ihres Lebens betrogen worden. Ein Gefühlschaos, das man keinem Sportler zumuten darf.