Enttäuscht: Angelina Köhler neben der Chinesin Zhang Yufei © Woitas/dpa
Am Morgen danach waren die Tränen getrocknet, doch den „miesen Beigeschmack“ hatte Angelina Köhler immer noch im Mund. Ausgerechnet eine Chinesin mit brisanter Vorgeschichte hatte der Schwimm-Weltmeisterin im ersten Olympiafinale Bronze vor der Nase weggeschnappt. „Sie hat jetzt erst mal die Medaille“, sagte Köhler über Zhang Yufei, die trotz eines positiven Dopingtests vor drei Jahren nicht gesperrt wurde und in Paris antreten durfte.
Ob damit das letzte Wort gesprochen ist, ist noch offen. Die Chinesin gehört zu den Sportlerinnen und Sportlern, bei denen vor den Sommerspielen in Tokio 2021 ein verbotenes Herzmittel festgestellt, aber dennoch keine Strafen ausgesprochen worden waren. Elf von ihnen sind im olympischen Pool in der La Defense Arena am Start. Der Fall hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) international enorm unter Druck gesetzt.
Köhler, der über 100 m Schmetterling 21 Hundertstelsekunden zu Bronze fehlten, fordert am Montag weitere Aufklärung. „Ich hoffe, dass da noch was kommt“, sagte die 23-Jährige, die sich mit WM-Gold im Februar in Doha in die Weltspitze katapultiert hatte. Schon am späten Abend nach dem Rennen hatte sie erklärt: „Solche Geschichten haben einen miesen Beigeschmack.“ Gleichzeitig betonte sie: „Ich stehe für sauberen Sport und für Gerechtigkeit.“
Wie sauber die chinesischen Schwimmer sind, ist vor allen Großveranstaltungen ein Thema. In der Vergangenheit sorgten Dopingfälle, etwa um den Weltrekordler Sun Yang, immer wieder für Aufregung. Diesmal sind Zhang und ihre Landsleute offiziell keine Dopingsünder. Denn die WADA akzeptierte die offizielle Erklärung, dass verunreinigtes Essen in einem Hotel zu den Positivtests geführt habe. Der Aufschrei vor allem in den USA und Europa war groß. „Es ist ein Wermutstropfen, dass Bronze an eine Sportlerin geht, die positiv getestet, aber nicht sanktioniert wurde“, sagte DSV-Leistungssportdirektor Christian Hansmann, betonte aber auch: „Sie ist vor Olympia regelmäßig getestet worden, deshalb gehe ich davon aus, dass es eine saubere Leistung war.“ Die Statistik des Weltverbandes World Aquatics weist bei Zhang vor Olympia 19 Tests auf – alle negativ.
Womöglich gibt es aber doch noch ein Nachspiel: Die WADA hat auf den großen öffentlichen Druck reagiert und ihr bislang unbekannte Informationen der ARD-Dopingredaktion eingesehen. Weitere Recherchen der ARD, die den Fall im April mit der New York Times enthüllt hatte, deuten darauf hin, dass die Erklärung der chinesischen Verantwortlichen nicht der Wahrheit entsprechen kann. Die Athleten sollen gar nicht gemeinsam in einem Hotel gewohnt haben.
SID