Ein Vertrauensverhältnis: Malaika Mihambo und Trainer Uli Knapp. Seinetwegen wechselte sie nicht in die USA. © IMAGO
Malaika Mihambo könnte in Paris Geschichte schreiben. Noch nie zuvor hat eine Weitspringerin bei zwei Olympischen Spielen in Serie Gold gewonnen. Aber Mihambo geht es um mehr als die Weitsprunggrube. Im Interview mit unserer Zeitung spricht die 30-Jährige über Empathie, die besondere Beziehung zu Trainer Ulli Knapp und Meditation als Erfolgsrezept.
Malaika Mihambo, wie fühlt sich ein Sprung auf 7,22 m wie in Rom an?
Das ist etwas ganz Besonderes. Wenn man sich gut trifft, kann man länger fliegen. Das spürt man sofort. Genau für solche Momente arbeitet man so hart und investiert so viel Zeit. Daran gewöhnt man sich nie. Das war der zweitweiteste Sprung meiner Karriere und ein richtiger Gänsehautmoment.
Ihr Trainer Ulli Knapp hat von einem annähernd perfekten Sprung gesprochen und von einem Sprung, auf den man die letzten zwei, drei Jahre gewartet hat. Was macht den perfekten Sprung so schwierig?
Letztes Jahr musste ich die Saison verfrüht abbrechen, da konnte ich gar nicht in den Bereich kommen. In Eugene war ich auch schon sehr gut drauf, da waren die besten Sprünge allerdings ungültig. Dann kam die Corona-Infektion, und in München war es mir nicht mehr möglich, an das Niveau anzuknüpfen. Beim Weitsprung kommt es auch immer auf die äußeren Bedingungen an. Wie ist die Temperatur? Haben wir Gegen- oder Rückenwind? Das sorgt schon für einen großen Unterschied. Die zweite Frage ist, wie gut kann man dann damit umgehen? Ich komme beispielsweise mit Rückenwind und der erhöhten Geschwindigkeit gut zurecht. Aber ist der Wind dann konstant, oder ist man mit Böen konfrontiert? Dann muss man den Anlauf anpassen, und das Feintuning stimmt schnell nicht.
Inwieweit hat Sie die Corona-Infektion ausgebremst?
Es ist in dem Sinne ein Rückschlag, weil es meine Lungenkapazität eingeschränkt hat, der Gasaustausch lag stellenweise nur noch bei 62%. Ich weiß aber, dass das Leistungsniveau nicht darunter gelitten hat. Ich fühle mich gut im Training, bin reaktiv und spritzig.
Sie haben das Buch „Spring dich frei“ geschrieben. Als Leistungssportlerin steht man ständig im Strom zwischen Training, Wettkämpfen, medialer Aufmerksamkeit. Haben Ihnen Meditation und der Achtsamkeitsgedanke dabei geholfen, damit besser umzugehen?
Auf jeden Fall. Ich habe ja schon früh angefangen, mich davon zu entkoppeln. Natürlich kommen wir aus einer Leistungsgesellschaft. Aber mittlerweile geht es für mich darum, Höchstleistungen zu bringen, aber auf eine andere Art und Weise. Für mich geht es darum, das mit meiner persönlichen Reife zu verbinden. Es geht nie einfach nur darum, weit zu springen. Ich habe für mich gemerkt, dass das nachhaltiger ist und zu viel mehr Wohlbefinden führt. Ich bin mit mir selbst im Reinen, ich lerne viel über mich. Ich weiß, wer ich sein will. Ich habe gelernt, wie ich meine Realität verändern kann, weil ich meine Gedanken und Emotionen besser steuern kann.
Es gibt viele Spannungen auf der Welt, die EM hat gezeigt, dass der Sport die Menschen wieder ein bisschen näher zusammenbringen kann. Hoffen Sie wieder auf mehr Empathie im Umgang miteinander?
Empathie ist da auf jeden Fall ein wichtiger Schritt. Wir sollten wieder die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen, statt die Unterschiede hervorzuheben. Es geht um viel mehr als Empathie. Es geht darum, Minderheiten sichtbar zu machen und ihnen eine Stimme zu verleihen. Es geht darum, wie wir nachhaltig zusammenleben können. Nicht nur vom Umweltaspekt her, sondern auch sozial gerecht und generationengerecht. Es geht um unsere Lebensgrundlage. Wenn jeder mit sich selbst im Reinen ist, wird sich das auch darauf auswirken, wenn wir in der Gesellschaft aufeinandertreffen. Wir müssen Wirtschaftsformen finden, die fair und inkludierend sind. Faire, offene und tolerante Politik.
Ihre Fans schätzen Sie nicht nur für Ihre weiten Sprünge, sondern für Ihre Aussagen weit über den Sport hinaus.
Ich finde es schön, wenn man als Mensch wahrgenommen wird. Und nicht nur als Athlet oder als Maschine, die irgendwie versucht, Höchstleistungen zu erbringen. Ich persönlich habe viel Gutes und Schönes erfahren in meinem Leben, ich habe viel gelernt. Es freut mich, wenn ich davon etwas weitergeben kann. Ich finde es wichtig, dass wir Vorbilder haben. Die sich nicht nur über ihre Leistung definieren, sondern über ihr Sein, über ihr Wesen, über ihre Ansichten,
Ihr Trainer Uli Knapp ist mehr als nur ein Trainer für Sie. Sie musizieren zusammen, tauschen sich über Dinge außerhalb vom Sport aus. War das gute Verhältnis auch der Grund dafür, dass Sie nicht in die USA gegangen sind?
Das war definitiv einer der Gründe, warum der Gedanke, ins Ausland zu gehen, weniger interessant wurde. Wenn man die Taube auf dem Dach plötzlich schon in der Hand hat, muss ich nicht nach der nächsten Taube suchen. Ich bin mit der jetzigen Situation sehr glücklich. Er ist sehr feinfühlig. Ihm ist immer wichtig, dass das Wohl des Athleten im Vordergrund steht. Er ist ein sehr selbstloser Mensch, der sehr viel gibt. Ulli versucht dadurch, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen.
Kommen die Gedanken an Tokio noch mal verstärkt hoch?
Nicht so oft. Ich bin auch niemand, der seine Medaillen zuhause ausstellt und sich jeden Tag anschaut. Ich lebe immer im Hier und Jetzt.
Wenn Ihnen die Medaillen nicht so viel bedeuten, beschäftigt es Sie vermutlich auch nicht so sehr, dass Sie die erste Weitspringerin werden können, die zweimal in Folge bei Olympia Gold gewinnt?
Das hat gar nichts damit zu tun, dass es mir wenig bedeutet. Ich trage die Erinnerung daran einfach nur im Herzen, ich muss mir nichts Materielles anschauen, um mich daran zu erinnern. Es gibt diesen Moment des Freuens, des Genießens, des Glücks. Und dann sagt man sich aber auch wieder: Jetzt ist jetzt, jetzt steht etwas anderes an. So ist es bei mir auch, was das Thema betrifft. Ich schaue erst mal, wie ich mein Bestes am Wettkampftag geben kann. Wenn mir das gelingt, schaue ich erst im zweiten Schritt, wofür es reicht. Für eine Medaille, für den neunten Platz? Ich verliere mich nicht in Erwartungen bezüglich irgendwelcher historischen Ereignisse.
Das deutsche Weitsprung-Team ist mit Mikaelle Assani oder auch Laura Raquel Müller leistungsstark. Und es wurde schon häufig gesagt, dass sie sich auch untereinander alle gut verstehen.
Da finden wir gerade eine gute Balance. Ich gebe gerne etwas weiter, wenn ich gefragt werde. Sonst halte ich mich aber auch zurück. Weil ich denke, dass sie alle stark genug sind, ihren eigenen Weg zu gehen. Es ist schön, im internationalen Finale nicht alleine zu stehen, sondern mit einem Team. Der Wettkampf ist ein Bruchteil des Jahres. Den Rest der Zeit kann man sich austauschen, voneinander lernen, miteinander lachen. Das sollte mehr im Fokus stehen. Nicht der Wettkampf gegeneinander, sondern das Miteinander.
INTERVIEW:NICO-MARIUS SCHMITZ