Noah Lyles hörte auf seine Therapeutin

von Redaktion

Die Geschichte des Sprintstars, der 100-Meter-Gold in die USA zurückbrachte – Vier Triumphe angepeilt

Ausschlaggebend ist der Rumpf: Zielentscheid zwischen Noah Lyles (l.) und Kishane Thompson (r.). Fünf Tausendstel lief der Amerikaner vor dem Jamaikaner ein. © dpa

Schwarz auf weiß: Noah Lyles zeigt an, wer der schnellste Mensch der Welt ist. © dpa/MAURO PIMENTEL

Der Druck war enorm, die Erwartungen riesig – und so holte sich Noah Lyles unmittelbar vor dem packenden Gold-Thriller von Paris noch einmal Hilfe. „Ich habe meine Therapeutin angerufen und sie sagte: ‚Du musst loslassen, du musst es fließen lassen‘“, sagte der neue Olympiasieger über die 100 Meter: „Und ich sagte: ‚In Ordnung, ich werde dir vertrauen.‘“

Nach dem Telefonat war Weltmeister Lyles dann bereit für das große Spektakel. Der 27-Jährige, der nie ein Geheimnis aus seinen Depressionen gemacht hat, raste im Stade de France in einem dramatischen Finale nach 9,79 Sekunden zu seinem ersten Olympiasieg. Am Ende hatte der 27-Jährige in der knappsten Entscheidung der Olympia-Geschichte über die Königsstrecke nur fünf Tausendstelsekunden Vorsprung auf den Jamaikaner Kishane Thompson. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Zielfoto ausgewertet war – und Lyles jubeln konnte.

Unmittelbar nach dem Zieldurchlauf war sich Lyles nicht sicher, dass er gewonnen hatte. „Ich bin zu Kishane gegangen und habe gesagt: ‚Ich will ehrlich sein, Bruder, ich glaube, du hast gewonnen‘“, sagte Lyles. „Ich war darauf vorbereitet, dass sein Name auftauchen würde, und als ich dann meinen Namen sah, dachte ich: ‚Meine Güte, das ist ja unglaublich. Ich bin unglaublich.‘“ 28 Sekunden nahm die Auswertung des Zielfotos in Anspruch. Lyles und Thompson liefen beide 9,79 Sekunden, sie trennten nur fünf Tausendstelsekunden.

Bei der knappsten Entscheidung in der modernen Olympia-Geschichte war mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, welcher der Sprintstars zuerst die Linie überquert hatte. Die Sportler sind nach den Internationalen Wettkampfregeln im Ziel wie folgt zu ordnen: „Die Läufer sind in der Reihenfolge zu platzieren, in der sie mit irgendeinem Teil ihres Körpers (d.h. mit dem Rumpf, nicht aber mit Kopf, Hals, Armen, Beinen, Händen oder Füßen) die senkrechte Ebene über dem startnäheren Rand der Ziellinie erreichen.“

Und so holte Lyles Olympia-Gold über die 100 m nach 20 Jahren zurück in die USA geholt, nun peilt er das Double an. Zu „100 Prozent“ werde er auch Gold über die 200 m gewinnen, sagte Lyles, der auf der lila Bahn insgesamt vier Triumphe anpeilt. Nämlich noch mit den Staffeln über 4×100 und 4×400 m. Und: Lyles fordert einen eigenen Schuh –wie Basketballlegende Jordan. „Ganz im Ernst. Ich will einen Sneaker. Mit Spikes lässt sich kein Geld verdienen.“
SID

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