Steht auf Show: Noah Lyles. © IMAGO
Noah Lyles sah vor dem 100-m-Finale im Stade de France so aus, als würde er Geister beschwören. Er zog Grimassen, brüllte die Anspannung aus seinem Körper, brüllte in Richtung der 80 000 Fans. Noch lauter bitte. Lyles will stets die maximale Aufmerksamkeit. Wenn er an den Start geht, dann ist das seine Bühne, das Rampenlicht gehört ihm. Spätestens seit Usain Bolt steht ja im Anforderungsprofil des schnellsten Manns der Welt, dass er auch eine Show abziehen, die Leute elekrisieren muss.
Das kann der Amerikaner. Nach dem spektakulären Foto-Finish hielt er einfach nur die Startnummer mit seinem Namen in die Luft. Schaut her, Welt, ich bin es, Noah Lyles. Die Glocke im Stadion, für Olympiasieger bestimmt, läutete er so lange und so heftig, dass sie fast abfiel.
Die Erwartungen an ein Finale der internationalen Sprintelite sind ohnehin schon riesig. Im Laufe des Jahres erschien die Netflix-Serie „Sprint“. Ähnlich wie bei der Tour de France oder der Formel 1 soll nun auch bei der Leichtathletik ein Hype erfolgen. Die Atmosphäre in Paris mit DJ und Lichtershow heizte alles noch mal mehr auf, es waren fast schon quälend lange Minuten, bis der Startschuss erfolgte. Es braucht Stars, die all das Drumherum auch füllen können.
Das kann der Amerikaner. Lyles ist ein charismatischer Typ, er hat so viel Selbstvertrauen, dass er sogar gegen die strahlende NBA schoss. „World Champion of what?“, fragt er in Richtung der Elite-Liga, die ihren nationalen Meister auch gerne als Weltmeister bezeichnet. Damit hat der 27-Jährige für Aufsehen gesorgt. Hätte er in Paris nicht gewonnen, wäre ihm der Spruch von den US-Medien und Fans millionenfach zurückgepfeffert worden.
Aber Lyles wirkt gefestigt. Er weiß, dass er seinem schnellen Mundwerk auch schnelle Taten folgen lassen muss. Er weiß, wie er seine Heldengeschichte erzählt. Er spricht offen und sehr gerne über seine Stärken, aber genauso über die verletzliche Seite. „Ich habe Asthma, Allergien, Legasthenie, ADS, Angstzustände und Depressionen“, schrieb er in den Sozialen Netzwerken.
Drei Goldmedaillen sollen in Paris noch folgen. Lyles will den Sprint prägen, den Thron für die nächsten Jahre besetzen. Die nächste Show kommt also ganz gewiss.