Erschöpft: Mihambo wurde im Rollstuhl aus dem Stadion geschoben. © Imago/Kohring
Inninge Umarmung nach dem Finale: Malaika Mihambo und ihr Trainer Ulrich Knapp. © Kappeler/dpa, Imago/Kohring
Nach der Ehrenrunde, nach der Feier mit Familie und Freunden, nach der Freude über Silber saß Malaika Mihambo plötzlich alleine im Stade de France. An eine Bande gelehnt, mit den Kräften am Ende. Die Luft blieb ihr weg, ein Rollstuhl brachte die Weltrekordhalterin aus dem Innenbereich des Stadions. „Die ganze Anstrengung hat sich bemerkbar gemacht, die Lunge ist an ihre Grenze gekommen.“ Die Geschichte von Mihambo in Paris hat eine Vorgeschichte des Leidens.
Nach der Leichtathletik-Europameisterschaft in Rom streckte es Mihambo und ihren Trainer Ulli Knapp mit einer Corona-Infektion nieder. Eine Infektion, die die 30-Jährige in den vergangenen zwei Monaten intensiv begleitete. Noch vor zwei Wochen hatte sie größere Probleme mit der Lunge, Hustenanfälle, konnte nachts nicht schlafen. „Das hat einen psychisch schon mürbe gemacht.“ Kurz vor der Abreise ins Pre-Camp vor den Olympischen Spielen machte Mihambo erneut einen Lungentest, der Gasaustasch lag nur bei 70 Prozent. Nach Rom und vor Paris absolvierte sie keinen einzigen Wettkampf mehr mit sechs Versuchen, das Training musste runterreguliert werden.
„Das gesamte Fundament ist weggebrochen“, sagt Knapp: „Wir haben ein sehr bröckliges Haus gebaut, das nach der Quailfikation schon gewackelt hat.“ Da musste sein Schützling nach zwei ungültigen Versuchen zittern, ehe Mentalistin Mihambo wieder ihre Nervenstärke bewies, 30 Zentimeter vor dem Brett absprang und trotzdem souverän ins Finale flog. Da sprang Tara Davis-Woodhall aus den USA mit 7,10 m am weitesten. Ihren magischen letzten Versuch, der ihr schon oft eine Medaille bescherte, musste Mihambo abbrechen. Die 6,98 m und damit Silber blieb stehen, für mehr reichte es einfach nicht, mit jedem Sprung verlor sie an Kraft. „Es ist als Trainer ganz schwierig zu sehen, wie ein Athlet immer an Substanz verliert“, sagt Knapp: „Sie hat das allerletzte Korn gegeben.“
Die Situation danach, die Hyperventilation, kannte Mihambo von der EM in München. Auch da gab es Silber, auch da trat sie geschwächt nach einer Corona-Infektion an, auch da blieb ihr anschließend die Luft weg. „In München hat mich das kalt überrascht. Jetzt hatte ich keine Panik, aber es ist ein Moment, der sehr unangenehm ist.“ Wegen des Wettkampfs nahm sie keinen Hustenstiller, nach einem Hustenanfall hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Am Tag danach in der Pressekonferenz ging es Mihambo schon besser, einen Monat brauche es aber bestimmt noch, damit sich die Lunge erholt. Die Olympiasiegerin von Tokio war in erster Linie stolz. „Diese Corona-Infektion ist sehr viel härter gewesen als die letzte. Es gibt nicht viele Sportler, die mit so einer Geschichte, mit so einem Handicap mit Silbermedaille vom Feld gehen können. Silber strahlt für mich golden.“
NICO-MARIUS SCHMITZ