In seinem Element: Unterhachings Torwarttalent Billy Bob Bracher.
Beim Videodreh mit Papa Michael. © Schönfeld
München – Plötzlich werden die Augen der Nachwuchskicker groß. Sie wenden sich vom Ball ab und blicken auf den Teenager, der die Anlage des FC Unterföhring betritt. „Ist das nicht der von YouTube?“, fragt ein Kind schüchtern das andere. Billy Bob Bracher – kurz Bobby – lächelt und winkt. Der 16-Jährige hat sich an diese Momente gewöhnt. Er betritt den Platz, streift die Handschuhe über und testet den Grip. Im Anschluss hagelt es Abschlüsse von Vater Michael, das neue Arbeitsmaterial wird auf Herz und Nieren geprüft. Infolgedessen hält Bracher die Handschuhe in die Kamera und gibt seine Empfehlung für die Community ab. Die Kinder haben sich wieder dem Training zugewandt. In den nächsten Tagen wird auf ihren Handys der eben gedrehte Clip rauf- und runterlaufen.
„Wir haben einfach Videos hochgeladen, wie ich Bälle gehalten habe. Es ging nie darum Reichweite aufzubauen, aber plötzlich hatten die Clips dann Millionen von Aufrufen“, beschreibt Bracher die Anfänge seiner Social-Media-Karriere. Mittlerweile folgen dem Nachwuchstorhüter auf YouTube und TikTok jeweils über 200.000 Menschen. Schöpfer des Ganzen ist Bobbys Vater Michael, der vor über zehn Jahren den ersten Clip hochlud. „Sechsjähriger Torhüter Bobby fliegt wie ein Adler“, lautet der Titel des millionenfach geklickten Videos. „Ich habe nicht im Ansatz damit gerechnet, dass daraus irgendwas entsteht. Aber jetzt freue ich mich natürlich riesig, dass wir durch Zufall diesen Weg gegangen sind“, so Bracher Senior, der früher selbst für die zweite Mannschaft von Holstein Kiel zwischen den Pfosten stand.
Dieser Weg führt Bobby über ein Probetraining beim FC Bayern und das Nachwuchsleistungszentrum der Löwen in die U19 der Spielvereinigung Unterhaching. Dort steht an diesem Tag kurz nach dem Dreh in Unterföhring das Torhütertraining an. Unter den kritischen Blicken von Coach Michael Wagner hechten und rollen Bracher und seine Mitspieler durch den Regen. „Bobby arbeitet unheimlich zielstrebig und hat immer Bock zu trainieren. Er hat das Potenzial, Profi zu werden“, lobt Wagner. Trotz der Bekanntheit Brachers ist das Verhältnis unter den Torhütern normal. „Natürlich gibt es mal einen Spruch, aber das lächelt Bobby weg. Solange die Leistung auf dem Platz stimmt, ist alles andere egal“, so Trainer Wagner. Bracher fungiert auch als Werbefigur für Ausrüster – Handschuhe und Co. gibt es dafür gratis. Dass der Teenager dadurch nicht nur im Tor, sondern auch im Kopf abhebt, das verhindert sein Vater. „Wenn ich auf die Idee kommen würde, hochnäsig durchs Leben zu laufen, würde Papa den Kanal löschen. Ich darf durch Social-Media sehr viele schöne Dinge erleben, aber das macht mich nicht zu einem besseren Menschen“, so der 16-Jährige. Nach knapp 90 Minuten ist die Übungseinheit beendet. „Heute geht es früh ins Bett“, so die Ansage seiner Mutter, die ihn abholt. Am nächsten Tag steht neben Fitnessstudio und Training auch wieder Content-Produktion an. „Wir versuchen jeden Tag ein Video hochzuladen, nur so bleibt man relevant“, erklärt Bracher. Zeitlich möglich ist das nur, da die Eltern ihrem Sohn nach seinem Realschulabschluss die Chance geben, ein Jahr alles auf Fußball und Social-Media zu setzen. „Mein Vater unterstützt mich sehr, wenn ich es in Phasen schleifen lasse, kriege ich sofort einen Einlauf. Da kommt auch meiner Mutter eine wichtige Rolle als Streitschlichterin zu“, so Bracher. „Diese Reise hat uns enorm zusammengeschweißt, da wir viele gemeinsame Erlebnisse hatten“, bestätigt Vater Michael. Wohin die Entwicklung führt, ist noch nicht abzusehen. „Der Traum ist es, Profi zu werden, aber falls das nicht klappt, bin ich auch glücklich mein Geld mit Social-Media zu verdienen, oder zurück in die Schule zu gehen”, blickt Bracher voraus.
CLAAS SCHÖNFELD