Spieler happy, Präsident genervt: Robert Reisinger hatte eine hitzige Diskussion mit einem Löwen-Fan. © Sampics
Mit ihm kehrte das Spielglück zurück: Torwart und Fanliebling Marco Hiller. © Sampics / S. Matzke
Feindselige Grüße an den Boss in spe: Die tiefblauen Fans erinnern an die Bayern-Vergangenheit von Anton Hiltmair, der nach dem Willen von Investor Hasan Ismaik neuer Finanzgeschäftsführer werden soll. © Sampics / Stefan Matzke
Sandhausen/München – Fanbetreuer Christian Poschet deutete in den Löwen-Block und noch während er sprach, zupfte Marco Hiller am Kragen seines Torwarttrikots – es fand einen dankbaren Abnehmer. Für einen der mitgereisten Anhänger hatte sich der Trip in die Kurpfalz doppelt gelohnt. Hiller-Trikot abgestaubt, drei Punkte im Gepäck, was will man mehr? Erinnern wird ihn das gelbe Souvenir an einen wieder mal denkwürdigen Auftritt der Blauen. Cottbus-Klatsche in den Köpfen, am letzten Tag der Frist die Insolvenz abgewendet, dazu eine latent schwelende Trainer-Diskussion. Es gab sicher nicht viele Fans, die mit einer Drei-Punkte-Erwartung nach Sandhausen gereist waren, doch so sind sie, die Löwen. Überraschungen sind der Giesinger Normalfall – diesmal war es nach längerer Zeit mal wieder eine positive Überraschung. 3:0 (2:0) beim Tabellenzweiten, der zuletzt im August verloren hatte. Selbst Hiller, der Urlöwe (seit 2008), schüttelte ungläubig den Kopf, als er nach dem höchsten Saisonsieg zur Kurve lief, die nicht nur ihr Idol („Hiller, Hiller!“) hochleben ließ.
Hiller, auch wenn er nicht allzu viel zu halten bekam, steht nun symbolisch für das Aufbäumen der Löwen in verschärfter Krisensituation. Sechs Tage zuvor 1:5 in Cottbus mit vogelwilder Abwehr – nun das dritte Zunull, das selten wirklich in Gefahr geriet. Bis auf einen Baumann-Seitfallzieher ans Gebälk (67.) blieb das Bemühen der Sandhäuser wenig konkret. Auf erstaunlich kompromisslose Weise hatte Argirios Giannikis die Trendwende organisiert – mit einem Radikalumbau der Hintermannschaft. Hiller für Vollath im Tor, Reich für Danhof rechts, Bähr für Kwadwo links. Von den Cottbus-Verlierern durfte sich nur Kapitän Jesper Verlaat bewähren. Und Max Reinthaler, sein neuer Partner in der Innenverteidigung, fand sogar noch Zeit, mit entschlossenem Einsatz eine Reich-Flanke ins Netz zu drücken – die frühe Führung (10.) als Willensleistung. Auch Soichiro Kozuki, der überragende Offensivspieler, ließ es nicht an Entschlusskraft mangeln, als er nach feiner Körpertäuschung per Schlenzer auf 0:2 stellte (33.). Beim 0:3 in der Nachspielzeit, bei dem zwei Giannikis-Joker leichtes Spiel hatten (Schubert und Philipp), war dann bereits der Widerstand der Gastgeber gebrochen.
„So musst du auftreten“, lobte Giannikis im BR die Reaktion seiner unsteten Löwen: „Das ist auch ein Lernprozess für uns. Gegen eine gute Mannschaft, die ziemlich lang ungeschlagen war, haben wir das heute gut gemeistert.“ Bei MagentaSport hob er die starke Defensivleistung gegen ein Top-3-Team hervor: „Wir haben gearbeitet und jeden Schritt nach hinten gemacht. Ich glaube, es war ein hochverdienter Sieg.“
Eine konsensfähige Einschätzung, und trotzdem – typisch 1860 – lag am Ende ein Schatten auf dem sportlichen Lebenszeichen. Am Samstag wehte im Fanblock nicht nur die übliche Anti-Ismaik-Fahne – obwohl es ja vor allem der Investor war, der die Insolvenz der KGaA abgewendet hatte. Auch der designierte Finanzgeschäftsführer Anton Hiltmair, von Ismaik in Stellung gebracht und einst dem FC Bayern zugeneigt, wurde in Abwesenheit wenig freundlich willkommen geheißen. Auf einem blockumspannenden Plakat stand: „Hiltmair, du rote Sau, verpiss dich!“ Womöglich war das auch der Auslöser der Tumulte, die Präsident Robert Reisinger (stimmte für Hiltmair) nach dem Schlusspfiff die Laune verdarben. „Komm runter“ rief er einem mutmaßlichen Kritiker entgegen. Danach, festgehalten auf einem Instagram-Video, kam es zur Rudelbildung in einem der Gänge des Hardtwaldstadions.
Zumindest die 1860-Profis waren happy, als sie sich am Abend auf die vierstündige Heimreise machten. Im Magenta-Interview sagte Hiller: „Du gewinnst hier 3:0. Ich denke, das hat keiner vor dem Spiel erwartet. Im Fußball kann man nicht alles erklären. Heute lag es auf jeden Fall nicht an mir, sondern an einer super Mannschaftsleistung. Ich bin einfach nur glücklich.“
ULI KELLNER