Schwung zurückgebracht: Julian Nagelsmann. © IMAGO
Neues DFB-Selbstvertrauen: Robert Andrich und Joshua Kimmich. © IMAGO/RevierFoto
München – Ein knappes Jahr ist es her, da lag Fußball-Deutschland am Boden: Julian Nagelsmann bestritt als neuer Bundestrainer seine zweite Länderspielperiode und sollte ein halbes Jahr vor der Heim-Europameisterschaft für Aufbruchstimmung sorgen. Doch der Plan ging nicht auf: Erst setzte es in Berlin ein 2:3 gegen die Türkei und wenige Tage später ging das DFB-Team in Österreich chancenlos mit 0:2 unter. „Gerade im November-Lehrgang war ich schon sehr, sehr erschrocken. Da bin nach Hause gefahren und habe mit meiner Lebensgefährtin gesprochen und gesagt: Das ist außergewöhnlich, wie der ganze Stuff sich fühlt nach so Spielen, wie die Mannschaft auch in der Kabine sitzt, die waren wie geschlagene Hunde“, erinnert sich Nagelsmann im Interview mit „Blickpunkt Sport“.
Bei der Abschlusspressekonferenz im Wiener Ernst-Happel-Stadion wirkte der 38-Jährige in seiner Analyse zwar trotzig, aber es war zu spüren, dass es in ihm arbeitet und er einen konkreten Plan im Hinterkopf hat – obwohl der Abpfiff erst wenige Minuten zurücklag. Nagelsmann machte sich damals für die „Arbeiterklasse“ im Fußball stark, verzichtete fortan in seinen Nominierungen auf vermeintlich bessere Fußballer und stellte den Teamgedanken über alles.
Sinnbildlich dafür stand die Aussortierung von Leon Goretzka, der zu DFB-Zeiten häufig eine eigene Agenda verfolgte und dadurch den mannschaftlichen Erfolg gefährdete. Stattdessen hatte der Leverkusener Robert Andrich plötzlich einen Stammplatz im Mittelfeldzentrum sicher. Und Joshua Kimmich wurde auf die Rechtsverteidiger-Position versetzt, weil er dem Team dort am meisten hilft.
So mutig seine personellen Entscheidungen waren, so mutig sollte auch der Nagelsmann-Fußball sein: „Es war jetzt nicht so, dass wir Angsthasenfußball gespielt haben. Aber es kam dann neben der Kaderzusammenstellung schon dazu, dass wir einfach auch mit offenem Visier gespielt haben und uns auch etwas zugetraut haben, weil ich schon auch finde, und den Eindruck habe ich auch jedes Mal, wenn ich ein Spiel anschaue: Fußball ist schon auch Unterhaltungsbranche!“
Mit diesem Ansatz wird die Nationalelf auch die anstehenden Länderspiele am Samstag in Freiburg gegen Bosnien-Herzegowina (20.45 Uhr, RTL) und am darauffolgenden Dienstag in Budapest gegen Ungarn (20.45 Uhr, ZDF) angehen. Alles andere als zwei Siege kommen für Nagelsmann dabei nicht in Frage, nicht nur wegen des anvisierten Gruppensieges – sondern auch wegen der Gier nach Siegen beim DFB. „Das größte Wort, was nach der EM so prägnant war in unserem Team, war Selbstverständnis. Dass es ein Stück Normalität wird, dass wir Spiele gewinnen“, fordert der Nationalcoach und nennt Weltmeister Argentinien als Paradebeispiel im Hinblick auf die Ziele bei der Weltmeisterschaft 2026: „Die haben davor 26 Spiele in Folge gewonnen, gefühlt. Auch so normale Spiele, wo jeder sagt: Ja, klar, die musst du gewinnen. Aber die einfach auch zu gewinnen.“
In den Augen des Bundestrainers sorgt eine Konstanz im Siegen dafür, dass das Selbstverständnis der Fußball-Nation Deutschland nach innen und außen ausstrahlt: „Ich will, dass wir in den Bus einsteigen und zum Spiel fahren und jeder das Selbstverständnis hat: Na klar gewinnen wir heute, wir sind Deutschland. Das muss ein Stück Normalität werden“. Anders als es im November 2023 der Fall war.
MANUEL BONKE