Oscar ist zurück in München bei den Bayern. © IMAGO/Ruiz
Tristan spielt in der NBA für Orlando. © Raoux
Brasilianische Wurzeln und Basketball-Weltenbummler, aber München ist für sie Heimat. © Sampics
Münchner Basketballbrüder: Oscar (li.) und Tristan da Silva. © Sampics
München – Sie sind die Söhne eines Brasilianers und einer Deutschen und doch sind Oscar und Tristan da Silva echte Münchner. Und vor allem sind sie die definitiv größten Talente, die Basketball-München seit den Tagen von Uwe Blab hervorgebracht hat. Beide durchliefen die Schule der internationalen Basketballakademie München (IBAM) in Schwabing und wählten den Weg ans College – zusammengeführt haben die Karrierewege die beiden Brüder nie. Jetzt weniger denn je: Während Oscar (26) dank einer Offerte des FC Bayern gerade in die Heimat zurückkehrte, zog es Tristan (23) zu den Orlando Magic in die NBA. Unsere Zeitung hat sie zum Interview getroffen.
Tristan, es gibt die Geschichte Ihres Großvaters, der gesagt haben soll, es sei „schlimm, einen Überflieger-Bruder wie Oscar zu haben, der in allen Bereichen erfolgreich ist …“
Tristan: (lacht) Ach, ich finde es eigentlich super. Man hat ein bisschen ein Vorbild, wie man sich im Leben breit und stabil aufstellt. Zum Beispiel ans College zu gehen, nicht in Deutschland zu bleiben. Das Ganze durchzuziehen, Profi werden. Auch Sachen hintanzustellen, nicht wie andere Leute jedes Wochenende Party zu machen, weil man auf sich selbst aufpassen muss. Das alles hat mir schon viel gegeben.
Wie ist denn die umgekehrte Perspektive, Oscar?
Oscar: Es ist auch für mich total inspirierend, zu sehen, wie Tristan seinen Weg geht. Und ein Teil dieses Weges sein zu können. Und natürlich bin ich superstolz auf alles, was er in den vergangenen paar Jahren erreicht hat. Ich glaube, wir bereichern uns da ganz gut gegenseitig.
Oscar, wenn man wie Sie damals auf dem College ein aufwendiges Fach wie Biochemie studiert, in Forschungsprojekten beteiligt ist – wie durchgetaktet ist man?
Oscar: Ziemlich. Da bist du von früh bis abends beschäftigt. Krafttraining in der Früh, dann Uni. Mittagessen, Training, dann noch mal Uni. Hausarbeiten, dann noch mal eine Runde werfen gehen. Da ist der ganze Tag voll.
Sie waren frühzeitig als Weltbürger gepolt, haben brasilianische und deutsche Wurzeln, lebten beide frühzeitig im Ausland, jetzt das Profileben. Gibt es noch Heimat?
Oscar: Klar, München.
Tristan: Natürlich. Dort geboren, dort aufgewachsen. Unsere Freunde sind hier. Aber natürlich haben wir auch einen starken Bezug nach Brasilien, wir haben dort noch einiges an Familie in der Nähe von Sao Paulo. . Als Kinder waren wir meistens die ganzen Sommerferien dort.
Oscar: Durch den Sportlerberuf bist du natürlich ein bisschen Weltbürger, was auch sehr aufregend ist. Aber ich denke, durch die Distanz haben wir beide München auch sehr schätzen gelernt. Das war bei mir sicher auch ein Faktor für die Entscheidung, zu Bayern zu gehen – nach Hause kommen.
Sie beide haben nie miteinander, aber dafür öfter gegeneinander gespielt. Schwierig?
Tristan: (lacht) Für mich nicht.
Oscar: Es waren nur zwei Spiele, aber die haben wir verloren. Tristans Mannschaft hat damals wesentlich besser gespielt.
Tristan: Aber die Begegnung war schon komisch. Ich kannte es nur, dass ich Oscar bei der IBAM zuschaue. Da saß ich mit der Leberkäsesemmel und einem Spezi auf der Bank. Jetzt haben wir uns plötzlich beide aufgewärmt. Aber es war gut. Und komischerweise waren das auch meine besten Spiele in dem Jahr.
Sie sind auch Musiker. Der eine spielt Saxophon, der andere Trompete. Das erinnert an die Geschichte von Dirk Nowitzki, dem sein Mentor Holger Gschwindner immer das Saxophon aufdrücken wollte. Zur Persönlichkeitsentwicklung. Nachvollziehbar?
Oscar: Schon. Als Erstes für den Geist. Das Kreative der Kunst hast du auch im Basketball. Da gibt es schon Parallelen.
Tristan: Es ist doch in einem Orchester auch so. Am Anfang kommst du zusammen und es klingt schrecklich. Da lernst du dich nicht entmutigen zu lassen. Und Woche für Woche wird es besser, es harmoniert besser. Das ist im Sport auch so.
Bei ihnen, Tristan, führte der Weg nun in die NBA.
Tristan: Das hatte ich eigentlich nicht wirklich auf dem Schirm. Aber irgendwann meinten Leute zu mir, ich sollte meinen Namen in den Draft werfen. Da bestreitest du Workouts. Spielst drei gegen drei, zwei gegen zwei, eins gegen eins. Gegen Leute, die in der gleichen Situation sind. Da habe ich mir gedacht, das könnte was werden. Es war, glaube ich, ganz gut, dass ich noch ein Jahr im College gespielt habe. Ich bin noch einmal ins NCAA-Turnier gekommen. Hatte noch mehr Aufmerksamkeit. Dann habe ich meinen Namen noch mal ins Rennen geworfen. Und es hat geklappt.
Das klingt, als kam der Glaube spät.
Tristan: Bei mir war alles ein bisschen später. Ich habe bis 17 noch bei der DJK gespielt. Da hatte ich gerade noch einmal einen Wachstumsschub, der mich darauf gebracht hat, dass ich es doch ein bisschen ernster angehen könnte. Über die IBAM ging es dann ans College. Aber da habe ich auch erst im vierten Jahr aufgeräumt.
Oscar, warum ist ihr Bruder nun da, wo er ist?
Oscar: Weil er sich das erarbeitet hat. Am Ende gehören natürlich immer auch Sachen wie Talent oder Glück dazu. Sein Glück ist, dass er zu einer Spielerkategorie zählt, die in der NBA gerade sehr angesagt ist. Große Flügelspieler, die von außen werfen und auch verteidigen können. Außerdem ist er das, was man in Amerika „Low maintenance“ nennt. Ein selbstständiger Mensch aus gutem Hause, auf den man nicht aufpassen muss. Und genauso ist es auch auf dem Feld.
Sie haben die europäische Karriere eingeschlagen. Haben in Berlin, Barcelona und nun in München in der Euroleague gespielt. Ex-NBA-Star Serge Ibaka meinte im letzten Jahr, die Euroleague sei das härteste Pflaster.
Oscar: Es ist auf jeden Fall sehr anspruchsvoll. Dadurch, dass es nicht die gleichen finanziellen Ressourcen gibt wie in der NBA für Reisen, Erholung und alles, was dran hängt, zehrt so eine Saison schon. Das ist körperlich anspruchsvoller. Hier in Europa hast du auch noch die nationalen Ligen und jeder kämpft um irgendetwas. Der Wettkampfgedanke ist wesentlich präsenter.
Eine Gemeinsamkeit gibt es: In der NBA wie in Europa wird viel gespielt, mit mehr als 80 Partien pro Saison. Gibt es Wege, sich darauf vorzubereiten?
Tristan: Ich glaube nicht. Du musst da irgendwie durch. Mir hat man auch gesagt, du spielst halt in irgendeiner Stadt. Danach geht es gleich weiter und du landest um 4 Uhr früh in einer anderen Stadt. Du schläfst vier Stunden, dann gehst du in die Halle. Danach hast du Zeit bis abends. Und nach dem Spiel geht es wieder weiter.
Oscar: Das ist wie ein großer Zirkus, der durchs Land zieht. Klar musst du dich auf so etwas in der Offseason vorbereiten. Gut regenerieren und entsprechend trainieren. Da lernst du von Jahr zu Jahr dazu, was dir gut tut.
Neben dem Verein spielen sie beide auch im Dunstkreis der Nationalmannschaft. Sie, Oscar, waren im Sommer bereits Teil des Teams bei Olympia…
Oscar: …und da bin ich auch super happy darüber, dass ich dabei sein durfte. Die Erfahrung Olympia habe ich sehr genossen.
Tristan: Ich war bis jetzt vor allem in den Nachwuchs-Nationalmannschaften. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Einladung irgendwann kommt. Ich lasse das, wie so vieles in meinem Leben, auf mich zukommen. Und werde mir nicht die Haare ausreißen, wenn es dauert.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT