„Kane darf nicht schießen“

von Redaktion

Augsburgs Keven Schlotterbeck und seine gute Erfahrung mit den Bayern

Den Goalgetter in sich entdeckt: Innenverteidiger Keven Schlotterbeck erzielte diese Saison zwei Tore. © IMAGO

Großes Spiel mit Bochum gegen die Bayern und Harry Kane: Schlotterbeck (r.). © IMAGO

Augsburg – Keven Schlotterbeck (27) hat sich beim FC Augsburg schnell unentbehrlich gemacht. Der Innenverteidiger kam vom SC Freiburg, der ihn zuletzt an den VfL Bochum ausgeliehen hatte. Im Ruhrpott machte Schlotterbeck, älterer Bruder des Dortmunder Nationalspielers Nico, eine spezielle – und gute – Erfahrung mit dem FC Bayern, bei dem er am Freitag (20.30 Uhr, DAZN) mit dem FCA gastiert.

Keven, wie oft nennen die Leute Sie Kevin?

Das machen eindeutig zu viele, wenn sie mich neu kennenlernen. Ich erkläre es ihnen dann nett.

Was ist der Hintergrund von Keven?

Als ich geboren wurde, war es gang und gäbe, dass Kinder Kevin genannt wurden. Der Papa hatte die glorreiche Idee, aus dem i ein e zu machen. Auf dem Standesamt mussten sie erst einmal im Verzeichnis schauen, ob es das überhaupt gibt oder man es beantragen muss. Es gab schon einen Keven, also wurde es genehmigt, dass ich auch einer werde.

Sie scheinen Freude an blumiger Sprache zu haben. Kürzlich nannten Sie sich selbst spaßeshalber einen Adonis oder beschrieben einen Schussversuch mit den Worten „Ich habe ausgeholt von hier bis Meppen“. Überhaupt: Sie sind kommunikativer als viele Fußballprofis.

Man sollte schon gesprächsbereit sein in einem Team. Wir verbringen jeden Tag etliche Stunden miteinander, da sollte man sich nicht anschweigen. Ein kommunikativer Austausch ist wichtig, um auf dem Feld gut agieren zu können.

Nehmen wir die Kommunikation nach außen: Ihr Bruder Nico saß bei der EM einmal auf dem Podium der DFB-Pressekonferenz, weil man ihn, wie er sagte, sanft zu diesem Auftritt gezwungen habe. In der Öffentlichkeitsarbeit seid Ihr sehr unterschiedlich?

Nico hat nach der WM in Katar die negativen Seiten kennengelernt, da wurde sehr kritisch über ihn geschrieben, das hat ihm nicht gutgetan, seitdem hält er sich etwas zurück. Aber es gehört dazu, ist „Part of the Job“. Ich rede halt gerne – auch mit den Medien.

Bleiben wir kurz bei Nico. Er hatte bei der EM im Achtelfinale gegen Dänemark eine spektakuläre Rettungsaktion und feierte das mit seinem Nebenmann Antonio Rüdiger so, wie sonst nur Stürmer ihre Tore feiern. Wie wichtig für einen Defensivspieler ist es, sich emotional auszuleben?

Ganz wichtig. Um sich als Verteidiger Selbstbewusstsein zu holen, braucht man Aktionen, mit denen man zeigt: Man ist da. Sei es ein geradliniger Pass oder eine Rettungsaktion auf der Linie. Sich abzufeiern pusht auch das ganze Team. Solche gelungenen Aktionen sind etwas Schönes, denn dann hat man seinen Teil dazu beigetragen, das Spiel zu gewinnen. Es ist natürlich auch typabhängig: Man kann sich nach innen abfeiern und nach außen.

Ist das Verteidigerleben manchmal schwerer, weil der Fehler des Verteidigers leichter auszumachen ist?

Du musst im Kopf immer zu 100 Prozent präsent sein. Wenn du den Fehlpass ins Zentrum spielst, ist hinten alles offen – und es geht ruckzuck. Die Spieler sind noch schneller geworden, das Spiel ist noch stärker aufs Umschalten angelegt, das trainieren alle. Der Stürmer, der vorne den Ball verliert, hat noch zehn Leute hinter sich, der Verteidiger nur noch den Torwart.

Die schöne Seite des Verteidigens aber: Man kann zum unverhofften Torjäger werden. Sie haben eine treffliche Offensivbilanz.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich das Toreschießen für mich entdeckt, aber das oberste Ziel bleibt für mich die Null hinten. Dann haben wir mindestens einen Punkt. Ist eine Floskel, aber stimmt.

Der SC Freiburg hat sie dreimal verliehen. Die Ungewissheiten, wohin es als nächstes geht, sind Sie mit dem festen Wechsel nach Augsburg los.

Und ich fühle mich hier pudelwohl. Man hat sich sehr um mich bemüht.

Es fällt auf, dass heutzutage immer mehr Karrieren so verlaufen: Man muss sich auf Leihverhältnisse einlassen, auch mal zu einem kleineren Club gehen – manche schaffen es dann mit Ende zwanzig, Anfang dreißig noch in die Nationalmannschaft.

Hier in Deutschland haben wir mit Flo Wirtz und Jamal Musiala zwei Ausnahmetalente, die mit 18, 19 den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft haben. Aber eben auch die anderen Beispiele: Deniz Undav und Tim Kleindienst, die viel später dran, aber gefühlt derzeit unverzichtbar sind, weil sie etwas mitbringen, was der Mannschaft hilft. Klar ist auch: Die Zeit für Fußball ist begrenzt. Umso schöner, wenn du im perfekten Fußballalter von 28, 29 merkst, du hast in den Jahren davor so viel gearbeitet, dass du belohnt wirst und noch Länderspiele machen darfst.

Sie gehörten zur deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio. Leider inmitten der Corona-Pandemie. Ihre Erinnerung?

Wir haben die Eröffnungsfeier mitgenommen, aber ansonsten waren wir wie eingesperrt und sind nach drei Spielen ausgeschieden. Trotzdem ist es ein großes Event, das man jedem nur ans Herz legen kann.

Für den FCA geht es zu den Bayern. Mit Bochum haben Sie persönlich eine positive Bilanz erzielt in der vorigen Saison. Beim 0:7 in München fehlten Sie verletzt, am 3:2-Sieg in der Rückrunde waren Sie mit einem Tor und einem Assist beteiligt.

Bayern ist das Maß der Dinge. Es wird spannend am Freitag. Jeder in der Mannschaft muss mit voller Überzeugung ins Spiel gehen, dass man es gewinnen kann.

Hat Bochum damals wegen den von den Fans als Protest gegen einen möglichen DFL-Investoreneinstieg geworfenen Tennisbällen gewonnen, wie Uli Hoeneß sagte?

Das glaube ich weniger. Die Unterbrechung hat sicher dazu beigetragen. Bayern hat geführt, Harry Kane stand danach alleine vor Manuel Riemann und schoss übers Tor. Der Spielverlauf war sehr glücklich für uns.

Wie geht man gegen Kane vor?

Das Wichtigste wird sein, ihn einfach nicht schießen zu lassen. Denn er hat einen Abschluss, ob aus fünf Metern oder zwanzig – wenn er will, schweißt er das Ding rechts oben in den Winkel rein. Er kann Bälle verteilen, ist ein kompletter Stürmer. Ihn auszuschalten, wird ein Teil des Plans sein – und die Aufgabe des Verteidigers.

Augsburg spielt mit einer Dreierkette, zuletzt besetzt mit Ihnen, Kapitän Jeffrey Gouweleeuw und dem jungen Franzosen Chrislain Matsina. Allmählich scheint das zu funktionieren.

Taktisch sollte man als Team flexibel sein, die Dreier- und die Viererkette draufhaben. Es brauchte nur Zeit, die Abläufe mit den Spielern nebendran zu etablieren: Wer schiebt durch, wie schnell schiebt man durch, wer sichert ab? Das Selbstbewusstsein ist gewachsen, deswegen sind wir seit vier Spielen ungeschlagen.


INTERVIEW: GÜNTER KLEIN

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