„Vielleicht fährt der noch bis 2030“, sagt Leitner über Routinier Felix Loch. © Imago
Stellt das Miteinander in den Vordergrund: Rodel-Boss Patric Leitner, hier mit Langenhan. © Imago
Visier runter, es wird ernst: Max Langenhan gilt als Topfavorit der Saison – und für Olympia. © IMAGO
Beste Laune, hier bei Dajana Eitberger und Magdalena Matschina. © Imago
Die Fähre nach Oslo ging für die deutschen Rodler schon vor eineinhalb Wochen – und im Rahmen der internationalen Trainingswoche konnte auch Patric Leitner sich langsam aber sicher auf den Ernstfall einstellen. Wenn an diesem Wochenende in Lillehammer die Weltcup-Saison beginnt, startet auch für der Olympiasieger von 2002 in ein neues Leben. Als Nachfolger von Norbert Loch wird der 47-Jährige nicht mehr in der zweiten, sondern in der ersten Reihe stehen. Im Interview spricht der neue Cheftrainer über die großen Fußstapfen und seinen konkreten Plan, diese auszufüllen.
Herr Leitner, was überwiegt bei Ihnen persönlich so kurz vor dem Start: Vorfreude oder Nervosität?
Ganz ehrlich: beides. Ich freue mich auf die Standortbestimmung und bin mir nach der Vorbereitung auch sicher, dass die Mannschaft gut drauf ist. Wir sind gerüstet – aber es ist immer auch ein bisschen Spannung dabei. Gerade auf der Bahn in Lillehammer, wo einige von uns noch nicht waren. Der letzte Weltcup hier war 2022.
Ihre Rolle ist neu – und ganz anders?
Ich habe schon immer mitgefiebert mit den Athleten, die ich ja auch vorher das ganze Jahr betreut habe. Fast sogar mehr als früher, als ich es Athlet selbst in der Hand hatte. Zuschauen ist brutal.
Gehen Sie voll mit bei jeder Fahrt?
Und wie! Ganz ruhig stehen und einfach nur zuschauen – das kann ich nicht. Ein bisschen liege ich da noch selbst auf dem Schlitten.
Sind Sie als Cheftrainer schon da, wo Sie sein wollten – bevor Ihr komplizierter Beinbruch Anfang des Jahres dazwischenkam?
Alles ist anders gelaufen, als wir es gedacht haben. Erst hat Felix Loch bei der WM in Altenberg ausgeplaudert, dass ich der neue Chef werden soll. Dann habe ich mich schwer verletzt, habe 16 Wochen nicht auftreten dürfen, bin nur auf der Coach gelegen. Das war eine schwere, eine echt schlimme Zeit für mich. Es ging dann von null auf 100 in die Vorbereitung. Trotzdem denke ich, dass das, was ich mir vorgenommen habe, bisher gut ankommt. Das Feedback bekomme ich auch von den Athleten. Trotzdem ist Trainer ein Beruf, in dem man nie auslernt. Außerdem fehlt mir als Chef ja auch noch die Erfahrung. Man hat deutlich mehr Verantwortung und macht sich auch deutlich mehr Gedanken.
Hat man als Ex-Sportler einen Vorteil – so wie zum Beispiel auch Vincent Kompany beim FC Bayern?
Ich will mich jetzt nicht mit dem FC Bayern vergleichen (lacht). Aber im Rodeln ist es schon von Vorteil, wenn du weißt, wie sie die Bahn runterfahren müssen, was die Fehler sind, wie der Start und die Bewegungsabläufe funktionieren. Trotzdem muss jeder seinen eigenen Weg finden und nicht versuchen, jemanden zu kopieren.
Ein gutes Stichwort. Sie treten in die riesengroßen Fußstapfen von Nobert Loch – wie groß sind sie denn wirklich?
Sehr groß. Die 16 Jahre unter Norbert waren eine geile Zeit. Und es wird natürlich erwartet, dass es so weitergeht. Davor hatte ich ehrlich gesagt auch ein bisschen Angst: Was ist, wenn wir nicht gleich Erfolg haben? Heißt es dann, der Leitner fährt das Ding gegen die Wand?
Hatten Sie schlaflose Nächte?
Es ist normal, solche Gedanken zu haben. Aber ich habe sie schnell ad acta gelegt. Ich habe mir gesagt: Bisher ist alles aufgegangen, was ich gemacht habe, als Sportler, als Olympiasieger, zwölf Jahre alt Trainer der Trainingsgruppe Sonnenschein, als Starttrainer des Nationalteams. Ich fühle mich superwohl im Team, habe einen guten Draht zu allen und ich habe ein zuverlässiges Trainerteam um mich herum. Das ist Gold wert!
Sie wollen ganz bewusst nicht „der neue Norbert“ sein. Was konkret machen Sie anders?
Never change a running stystem – das denke ich auch. Ich sage jetzt nicht, das ist falsch, das müssen wir anders machen, denn es hat die letzten Jahrzehnte immer gut funktioniert und wird auch viel kopiert von anderen Nationen. Deshalb habe ich nur an Kleinigkeiten geschraubt. Mir war es zum Beispiel wichtig, die Jungen gut einzubinden, weil wir dieses Jahr nicht nach Übersee reisen. Wissen Sie, zu was das führt?
Zu was?
Die hören auf die Routiniers im Team besser als auf die Trainer (lacht). Das gefällt mir total gut.
Kommen noch Fragen auf – haben Sie also viel Kontakt zu Norbert Loch?
Wir haben unser Büro gegenüber, er fragt immer nach, ich hole mir auch gerne Tipps. Und bei der WM in Whistler wird er auch dabei sein. Wenn man etwas 16 Jahre lang gemacht hat, kann man nicht von heute auf morgen loslassen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ihm eine kleine Last von den Schultern gefallen ist. Er ist viel mit dem Wohnmobil unterwegs gewesen dieses Jahr, das gab es vorher selten.
Sie arbeiten jetzt wieder mit Alexander Resch zusammen, Ihrem früheren Doppelsitzer-Partner.
Alex macht das Marketing – und ich stehe an der Bahn. Er möchte mit mir nicht tauschen und ich nicht mit ihm. Aber das war früher auch schon so (lacht).
Der Teamgedanke ist Ihnen aber sehr wichtig. Was für ein Team haben Sie übergeben bekommen?
Sagen wir mal so: Ich habe allen gesagt, dass mir Wertschätzung, Anerkennung, Umgang wichtig sind. Sie können sich in der Eisbahn duellieren, aber wir treten zusammen als Team Deutschland auf. Wir waren das erste Mal seit 16 Jahren im Trainingslager am Gardasee. Da haben alle an einem Strang gezogen – und ich merke es bis heute.
Gab es zu Ihrer Zeit mehr den Gedanken „Stützpunkt gegen Stützpunkt“ – oder warum stellen Sie das Miteinander in den Vordergrund?
Weil nicht jeder denken muss, dass hinter jedem Baum ein Feind steht, ganz ehrlich. Wir wollen als Team Deutschland vorankommen. Inzwischen weiß jeder, an was der andere tüftelt. Nur so geht es. Gemeinsam können wir mehr bewirken, als wenn jeder einzelne umeinander werkelt. Für mich sind Felix Loch und Max Langenhan da das beste Beispiel.
Apropos: Kann man aus den alten Hasen wie Felix Loch oder auch Tobias Wendl/Tobias Arlt noch mal was rauskitzeln, wenn man neuen Input gibt?
Die haben nach wie vor Spaß am Rodeln und sind topmotiviert, außerdem sind sie athletisch voll da. Nach alten Hasen fühlen die sich gar nicht an.
Wie funktioniert denn Felix ohne Papa?
(lacht) Er macht es sehr gut. Ich kenne Felix, seitdem er sieben Jahre alt ist. Er trainiert jetzt anders als vor zehn Jahren, sinnvoll, mit Hirn. Da haben wir einen sehr guten Weg für ihn gefunden. Er ist und bleibt ein Kämpfer, hat den Kopf noch nie in den Sand gesteckt. Außerdem ist er nach wie vor auf einem hohen Leistungsniveau. Er kann immer in die Top drei fahren. Auch wenn er akzeptiert hat, dass Max gerade unsere Nummer eins ist. Der ist ja echt mal eine coole Socke!
Und der Topfavorit der Saison – und bei Olympia. Ist der Maßstab für Felix Loch Ihre eigene Geschichte: Olympia-Bronze in Vancouver im letzten Rennen der Karriere?
Ich würde es ihm gönnen. Und es ist auch realistisch.
Befindet er sich eigentlich auf Abschiedstournee?
Bisher ist nichts angekündigt. Und ganz ehrlich: bei Felix Loch ist alles möglich. Vielleicht fährt der auch noch bis 2030. Die WM 2028 ist am Königssee, das ist für viele ein Ziel. Und dann sind es nur noch zwei Jahre bis zu den nächsten Spielen…
INTERVIEW: HANNA RAIF