Traditionell geprägt: Die Fans des Eishockeyclubs EHC Red Bull München. © IMAGO
Leckerei im Anflug: Die Produkte eines Hotdog-Herstellers schwebten ins Stadion ein. © Jack Ellis
Seattles beliebteste Bühne: Der T-Mobile-Park. © IMAGO
Seattle – Am Wochenende darf Christian Voigt mal wieder ein bisschen Heimatluft schnuppern. Drei Tage nur, aber immerhin. Im Rahmen des Kongresses Sport Marke Medien auf der ISPO soll der 52-Jährige darüber erzählen, wie Amerikas Sport das Geschehen auf dem Spielfeld mit dem Geschäft vernetzt.
Voigt weiß, wovon er spricht, der Münchner ist seit Anfang 2023 bei den Seattle Mariners hauptverantwortlich für die Einbindung der Partnerfirmen in die Auftritte der MLB-Baseballer. Seine Aufgabe: Pausen zu füllen und die Spiele zu einem noch größeren Spektakel zu machen, als es der Sport alleine zu erreichen vermag. Zu einer „unforgettable experience“ eben, wie der Verein das nennt – einer unvergesslichen Erfahrung. Und er tut das mit einigem Erfolg. Die ganze Liga blickt gerne auf den kreativen Club im äußerste Westen der USA. Und auch in Seattle selbst kommt der Ideenreichtum gut an. Die Mariners sind angesagt, mehr als drei Millionen Zuschauer stürmen die 81 Saison-Heimspiele im T-Mobile-Park (47000 Plätze). Und das, obwohl Auch „in der Stadt einiges los ist“, wie Voigt sagt. In der Tat: Man teilt sich die gut 700 000 Einwohner starke Metropole mit Seahawks (American Football), Kraken (Eishockey) und Sounders (Fußball).
Da stellt sich die Frage: Können vielleicht auch die, stets um Zuschauer kämpfenden deutschen Clubs etwas lernen. Vereine wie der EHC Red Bull München oder die Basketballer des FC Bayern, die sich gerade mit dem SAP Garden eine moderne neue Heimat verpasst haben. Voigt ist zurückhaltend: „Beide Seiten können sicher voneinander lernen.“
Voigts Ideenreichtum ist sicher ein Baustein. Einet seiner ungewöhnlichsten Einfälle war sicher die Einbindung eines deutschen Hotdog-Produzenten, der den Baseball-Fans seine Produkte spendierte. Aber man gab die schmackhaften Würstchen nicht einfach auf die Hand. Man ließ sie – schöne Alternative zu den hierzulande hinlänglich bekannten T-Short-Kanonen – vom Himmel fallen. Voigts Team verpasste den begehrten Produkten Fallschirme, dazu die richtige Verpackung um wirklich Hotdogs und nicht Soße regnen zu lassen. Die Sache kam blendend an. Auch beim Sponsor selbst. Die Firmenvertreter hätten ihm mit Verweis auf den, unlängst verstorbenen Senior-Chef (“Er wäre begeistert gewesen“) fast gerührt gedankt, erzählt Voigt.
Schon weitaus näher an den Münchner Realitäten ist die digitale Welt des Ballparks. Der EHC testete mit Erfolg ein virtuelles Spiel aus, bei dem ausgewählte Fans vom Rest der Arena ausgesandte Meteore abwehren müssen. In Seattles Ballpark können Fans per App auf Kameras im Stadion zugreifen und sich selbst auf der Tribüne ablichten. Gegebenenfalls auch mit humorigen Filtern wie dem auf den Kopf projizierten Lachs. Lachs muss überhaupt sein in der Stadt von Fisch und Meeresfrüchten. So gehört zu den festen Pausenfüllern auch ein Wettrennen, in dem sich als Lachs verkleidete Läufer miteinander messen. „Nicht ganz meins“, wie Voigt sagt, „aber die Kinder lieben es“.
Wobei die Mariners bei all ihren Aktivitäten übrigens stark auf eine lokale Verwurzelung achten. Und das bezieht sich längst nicht nur auf die Spiele selbst, bei denen die örtliche Gastronomie neben den Großsponsoren der Liga ihren festen Platz bei der Bewirtung im Stadion hat. Der Verein engagiert sich mit Partnern auch im sozialen Leben der Stadt. Ein Kaffee-Hersteller half bei einem Projekt für Obdachlose im Umfeld des Stadions. Das erinnert an die „Helpside“ der Bayern-Basketballer.
Nun gut, der US-Sport ist showorientiert, die europäische Szene trotz aller Vorboten wie „Kiss- oder Dance Cam“ traditionell. Doch Voigt glaubt, dass das kein Hindernis sein muss. „Es gibt die Tendenz, Dinge nicht zu machen, weil sie von Ultra-Bewegungen abgelehnt werden könnten“, sagt er. Doch: „Man muss sich einfach trauen, Dinge einmal auszuprobieren“, sagte er, „wenn es nicht funktioniert, dann macht man es halt nicht noch einmal“.
PATRICK REICHELT