Die Suche nach dem besten Halt

von Redaktion

Technologie-Partner BMW druckt Spikes für den Eiskanal – in Cortina mit dem perfekten Schuh?

Tüftler aus Leidenschaft: Ex-Rodler von Schleinitz. © BMW

Jeder Schuh ein Unikat: Die Spikes können in fünf Minuten getauscht werden. © BMW

Interessierter Abnehmer: Bob-Pilot Lochner testet Spikes aus dem 3D-Drucker. © BMW

München – Wenn ab diesem Wochenende die Kameras wieder auf das Starthaus im Eiskanal zoomen, werden wie immer Mimik und Gestik der Bobpiloten und Anschieber im Fokus stehen. Der eine klopft sich auf die Oberschenkel, der nächste klappt sein Visier schwungvoll herunter, manch einer schreit auch noch einmal laut, ehe er mit seinem Team den mehr als 200 Kilogramm schweren Schlitten in die Rinne schiebt. All das sieht das TV-Publikum, das die in Altenberg startende vorolympische Weltcup-Saison verfolgt. Nur ein paar Herren aus München, die schauen in diesen Momenten vor und während des Starts ganz woanders hin. Julian von Schleinitz und seine Kollegen nämlich interessieren insbesondere: die Füße.

„Spätestens bei den Olympischen Spielen in eineinhalb Jahren wollen wir mit dem perfekten Schuh an den Start gehen“, sagt Rene Spies – und der Bob-Bundestrainer weiß auch, dass die Entwickler von Technologie-Partner BMW vom Nonplusultra nicht mehr allzu weit entfernt sind. Hauptverantwortlich dafür: von Schleinitz, mehrfacher Junioren-Weltmeister im Rodeln, Tüftler und Ingenieur aus vollem Herzen. Schon bei den Olympischen Spielen von Peking nutzten die Skeletonis die neusten Technik-Erkenntnisse und holten mit verbesserten Startleistungen und Aerodynamik gleich zwei Mal Gold. Weil ein neues Reglement direkt im Anschluss an das Großereignis individualisierte Schuhe unterband, wurde aber seitdem weiter überlegt, probiert, gemessen. Auf dem Weg zum Optimum gilt die nun startende Saison als entscheidend.

Jeweils vier Sportler aus den beiden Weltcup-Teams sind bereits mit Schuhen ausgestattet, deren Spikes aus dem 3D-Drucker von BMW kommen. Von Schleinitz sagt: „Wir zwingen niemanden, sie im Wettkampf einzusetzen.“ Aber weil der Verband dieselbe Hoffnung hat wie die Experten – „dass das wie bei einer neuen Fahrzeug-Klasse die neue Klasse Spikes für den Eiskanal ist“ –, arbeitet man freilich Hand in Hand. Das Feedback der Athleten wird seit Monaten umgesetzt, im Fokus stehen Steifigkeit, verschiedene Beschichtungen – und das Gute ist, dass das System simpel zu ändern ist. Es muss kein Schuh-Prototyp mehr genutzt werden, den man nach Abnutzung nur noch in die Mülltonne werfen kann. Vielmehr darf jeder Athlet seinen im Handel erhältlichen Lieblingsschuh laufen, dessen Gewinde dann für die Spike-Platte aus dem 3D-Drucker genutzt wird.

Von Schleinitz vergleicht die Innovation mit der Zeit, als im Fußball der abschraubbare Stollen aufkam. Nur dass die Technik unzählige Möglichkeiten bietet – „und natürlich sehr komplex ist“. Die 30 Jahre Erfahrung von BMW im 3D-Druck sind ein Pfund, dieses schnell und effizient zu nutzen, ist das Ziel. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Lieblingsschuh sitzt bestens am Fuß, über das Material und die Geometrie der Platte sowie die Platzierung der Spike-Nägel wiederum können die Steifigkeit und vor allem die Kraftübertragung auf das Eis variiert werden. Von Schleinitz geht aber sogar noch einen Schritt weiter und sagt: „Wenn jeder seinen individuellen Spike hat, gehen wir auf die Eisverhältnisse ein. Temperatur, Schnee, Regen, Dichte – man kann auf alles reagieren.“ Und das Gute: „Es dauert fünf Minuten, ich kann die Spikes ja wechseln.“

Wie groß der zeitliche Vorteil am Start sein wird, können selbst die Experten noch nicht beziffern. Aber man weiß schon jetzt, dass man der Konkurrenz mal wieder einen Schritt voraus ist. „Vereinzelte Sportler anderer Nationen“, sagt von Schleinitz, „arbeiten mit Schustern zusammen“. Ein Projekt in dieser Größenordnung aber ist ein absolutes Novum. Der 33-Jährige, der schon beim Simulator der Olympiabahn von Peking sowie der Einführung des sogenannten „Datencoaches“ für die Rodler federführend war, brennt für den nächsten Meilenstein, das merkt man in jeder Sekunde des Gesprächs. Aber er gibt auch zu, dass der Zeitplan „sportlich“ ist. Acht Weltcups sowie die WM in Lake Placid stehen in diesem Winter an, in dem die Weichen für die Olympischen Spiele 2026 gestellt werden. Von Schleinitz wird bei allen genau hinsehen. Von Kopf bis Fuß, versteht sich.
HANNA RAIF

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