Aus München an Heidenheim ausgeliehen: Toptalent Paul Wanner. © Langer/dpa
Frank Schmidt steht seit 17 Jahren auf der Ostalb an der Seitenlinie. © Kienzle/AFP
Die Heidenheim-Fans feierten Frank Schmidt beim Spiel gegen Chelsea als König. © IMAGO/Elias
Auf der Ostalb ist er längst eine Institution: Seit 17 Jahren steht Frank Schmidt beim 1. FC Heidenheim als Trainer an der Seitenlinie. Unser Interview vor dem Duell heute (15.30 Uhr) gegen den FC Bayern.
Herr Schmidt, für aktuelle Bayern-Verhältnisse herrscht in München ergebnistechnisch schon fast Krise. Der ideale Zeitpunkt, um jetzt gegen den FCB zu spielen?
Damit beschäftigte ich mich nicht. Für mich geht es nur darum, was wir tun müssen und können, um die bestmögliche Leistung abzurufen – nicht um zu gewinnen, das wäre vermessen zu sagen.
Bei Ihnen läuft es in der Liga aktuell gar nicht. Nur ein Punkt aus den vergangenen sieben Spielen. Was sind die Gründe?
Wir hatten im Sommer einen großen personellen Umbruch, mussten fast unsere komplette Offensive austauschen. Wir befinden uns in einem Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Die Effizienz und das Selbstvertrauen, die uns ausgezeichnet haben, sind ein bisschen verloren gegangen. Und zwölf Gegentore in den letzten drei Spielen sind natürlich zu viel.
Ein Grund wird auch sein, dass normale Trainingseinheiten aufgrund der Doppelbelastung mit der Conference League kaum möglich sind, oder?
Auch, ja. Die Bayern kennen das, für uns ist das komplett neu. Es ist schon Wahnsinn, wie schnell es für uns nach oben ging. Unfassbar, wieviel Spiele wir zuletzt hatten. Körperlich haben wir die Belastung gut weggesteckt, aber für das Training, das für unser Spiel sehr wichtig ist, hatten wir zuletzt kaum Zeit.
Wie schwer ist die Umstellung für den Kopf?
Das darf man nicht vergessen. Auf die Spieler prasselt mit der Teilnahme an der Conference League viel ein. So wie zuletzt auch beim Heimspiel gegen Chelsea. Das sind alles Dinge, die für uns neu sind. Am Anfang waren wir in einem Rausch, das muss man klar sagen. Dann ist uns in verschiedenen Phasen unser Stil abhandengekommen – und da leidet dann die Stabilität darunter.
Es ist schon paradox. Heidenheim ist so erfolgreich wie nie – und trotzdem ist es wohl ihre schwierigste Phase überhaupt als Trainer, oder?
Ganz klar. Es ging für uns im Schnelldurchlauf nach oben. Bundesligaaufstieg, Klassenerhalt auf Platz acht verbunden mit der Teilnahme an der Conference League, Umbruch, Dreifachbelastung. So eine Phase hatten wir noch nie. Aber wir stellen uns dem. Entscheidend ist, dass wir am Ende über dem Strich stehen. Wir glauben zu 100 Prozent, dass wir das schaffen können.
Trotz der aktuellen Negativphase haben Sie wohl den sichersten Trainerjob der Liga. Verspüren Sie überhaupt so etwas wie Druck?
Ja natürlich! Ich kann ja jetzt nicht so tun, als ob Ergebnisse hier keine Rolle spielen und alles, was wir tun, reiner Selbstzweck ist. Das Besondere bei uns ist in dem Zusammenhang ist, dass es nicht unruhig wird und gezweifelt wird. Am Ende bin ich aber auch dafür verantwortlich, dass die Ergebnisse stimmen.
Wie groß der Hype um Sie ist, sah man eindrucksvoll mit einer riesigen Choreo im Spiel gegen Chelsea, mit ihrem Konterfei als König. Was haben Sie sich gedacht, als sie das gesehen haben?
Absoluter Wahnsinn! Ich war erst mal etwas ungläubig, dass da mein Gesicht drauf war. König von Heidenheim – so würde ich mich nie bezeichnen. Wer mich kennt, weiß, dass ich absoluter Teamplayer und Dienstleister für meine Mannschaft bin. Es war etwas Außergewöhnliches und ich habe mich bei den Fans auch bedankt, möchte aber gar nicht so im Vordergrund stehen.
Wie schaffen Sie es, dass Ihnen der Kult um Ihre Person nicht zu Kopf steigt?
Das ist gar kein Problem. Dazu bin ich viel zu geerdet. Ich beschäftigte mich ja auch mit Dingen außerhalb des Fußballs. Meine Töchter und meine Frau sind im Krankenhaus und in der Pflege tätig. Was soll ich denen denn jetzt erzählen, wie toll und wichtig ich bin? Wie öffentlich über mich geredet wird, da kann ich mich nicht dagegen wehren. Aber ich bin viel zu „normal“, als dass mich das auch nur im Ansatz abheben lässt.
Ihr Gegenüber Vincent Kompany steht erst am Anfang seiner Trainierkarriere. Wie schlägt er sich bei Bayern bislang aus Ihrer Sicht?
Sehr gut. Tabellenführer in der Bundesliga, noch keine Niederlage, die meisten Tore geschossen, die wenigsten bekommen. Klar, das DFB-Pokal-Aus und das Spiel gegen Leverkusen haben sich die Bayern auch anders vorgestellt. Grundsätzlich hat man bei den Bayern aber das Gefühl, dass da eine komplette Einheit auf und neben dem Platz zusammenwächst. Und das ist für alle Konkurrenten, zu denen ich uns nicht zähle, eine ganz schlechte Nachricht.
Harry Kane fällt weiter aus. Wie denkt man im Vorfeld als gegnerischer Trainer? Lieber gegen die Bayern ohne Kane oder ist das im Prinzip egal?
Gefährliche Frage! Zum Einstellen auf den Gegner wäre es für uns einfacher gewesen, wenn Kane hätte spielen können. So macht es sie jetzt variabler. Wenn mein Trainerkollege sagt, er hat fünf Möglichkeiten auf seinen Ausfall zu reagieren, weiß ich natürlich nicht, welche er dann gegen uns wählt. Am Ende halt ich es immer so, dass man sich mit dem auseinandersetzen muss, was unsere Aufgaben im Spiel sind. Das ist uns in der letzten Saison teilweise gut gelungen.
Im Rückspiel der Vorsaison gewannen Sie gegen Bayern nach 0:2-Rückstand sensationell noch 3:2. Welche Rolle spielt die Partie jetzt im Vorfeld?
Ich fürchte, für Bayern mehr als für uns (lacht).
Inwiefern?
Letztes Jahr war es so, dass nicht jede Mannschaft zu 100 Prozent gewusst hat, was wir Heidenheimer im Spiel eigentlich machen. Da hat man uns auch immer wieder unterschätzt. Dieser Faktor ist jetzt weg, das spüren wir und alles andere wäre auch überraschend. Bayern hat mittlerweile aber wieder ein Selbstverständnis entwickelt, dass es egal ist, gegen wen sie spielen und ihren Stil durchziehen.
Ein spezielles Spiel wird’s für Paul Wanner, der als Leihgabe bei seinem Stammverein vorspielt. Werden Sie ihn vor dem Spiel noch einmal extra zur Seite nehmen?
Ich rede ja regelmäßig mit ihm. Er ist 18. Es wäre komisch, wenn ich sagen würde, Paul hat die Lebenserfahrung, um das Spiel ganz cool anzugehen. Grundsätzlich ist er in seinem Alter aber schon sehr weit in seiner Persönlichkeit. Er hat von seinem sehr guten Elternhaus Werte mitbekommen und weiß schon, wie er damit umgehen muss, Spieler von Bayern München zu sein.
Anfang September sagten Sie, es sei Ihnen öffentlich „zu viel Paul Wanner“. Danach wurde der Rummel um ihn aber eher größer als kleiner. Gilt Ihre Aussage noch immer oder sind sie dahingehend jetzt gelassener?
Nein, da bin ich überhaupt nicht gelassener. Sie wissen ja nicht, wie viele Medienanfragen wir für ihn bekommen. Da habe ich schon mein Auge drauf und lege dann auch mein Veto ein, wenn ich etwas nicht gut finde und es mir zu viel ist. Er soll sich auf Fußball konzentrieren. Es ist jetzt eine ganz wichtige Phase für ihn. Ich möchte, dass er nächsten Sommer als besserer bzw. noch besserer Spiel geht, als er zu uns gekommen ist.
Zum Abschluss: Ihr Verein hat kürzlich den Fair Play Preis erhalten, weil sie in Darmstadt erst den Absteiger getröstet haben und erst dann zur Klassenerhalts-Party in die Kurve gegangen sind. Ist das richtige Verhalten wichtiger als Punkte?
Das eine schließt das andere nicht aus. Ich bin ein Trainer, der für den Erfolg nicht über Leichen geht. Ich bin hart in der Sache und will immer gewinnen, aber Fairplay gehört für mich dazu. Wir hatten auch schon Spiele in Heidenheim, da ging es für uns um nichts mehr am letzten Spieltag und für unsere Gegner um den Klassenerhalt. Wir haben aber Gas gegeben, als wenn wir noch die Meisterschaft hätten gewinnen können.
INTERVIEW: JOHANNES OHR