Läuft so mittel in Essen: Ex-1860-Boss Marc Pfeifer.
Ungewohnte Farbe: Joseph Boyamba, 1860-Treibauf in der Saison 2022/23, wirbelt jetzt für Rot-Weiss Essen.
Knackpunkt Kreidepunkt: Gegen Rostock brach den Löwen der von Sigurd Haugen verwandelte Strafstoß das Genick. Es war bereits der sechste Elfmeter gegen 1860. © IMAGO (3)
München – Der 19. August 2022: Michael Köllners Löwen auf dem Weg zum Startrekord – und ein frecher Neuzugang spielte sich auf dem linken Flügel in den Vordergrund. Das 2:0 von Deichmann hatte er per Traumpass vorbereitet, wurde später bei einem Dribbling im Strafraum von den Beinen geholt. Vrenezi schnappte sich den Ball, doch der Gefoulte wollte den Elfmeter selber ausführen. Es war sein erstes Tor für die Löwen – der Höhepunkt des 3:1-Heimsieges gegen Halle, der auch als Karten-Orgie in Erinnerung blieb (acht Gelbe plus Rot für Tim Rieder und einen gewissen Tunay Deniz).
Auffällig war aber vor allem der Löwe mit der Nummer 33. Die Rede ist von Joseph Boyamba, der dann doch nicht so durchgestartet ist, wie das an diesem Freitagabend im August viele erwartet hatten. Die Siegesserie der Löwen riss in Elversberg, dann kam die Wiesn, alles wurde bleiern, auch die Karriere von Boyamba, der in der Krisen-Rückrunde zu allem Unglück noch in die sog. „Schnaps-Affäre“ verwickelt war. Nach sechs Toren und 33 Spielen verließ er München wieder. Über Elversberg landete er bei Rot-Weiss Essen, wo es am Sonntag zum großen Wiedersehen kommt (13.30 Uhr). Ein Traditionsduell, das in der traurigen Gegenwart spielt. Sowohl in Essen als auch bei 1860 wird von neuem Glanz geträumt – stattdessen empfängt der Tabellen-17. den Zwölften zum Hinterbänkler-Duell.
Überhaupt hat sich vieles verändert seit diesem 19. August 2022, als die Löwen mit Köllner ihren letzten Höhenflug hatten. Boyamba kickt zwei Jahre später bei RWE, wo Marc-Nicolai Pfeifer sein Chef ist. Deniz, der damals vom Platz flog, spielt jetzt für 1860. Und ach ja: Die Löwen, die 2022/23 noch drei verschiedene Elferschützen hatten (Vrenezi, Holzhauser, Boyamba) – sie kriegen inzwischen gar keine Elfmeter mehr, dafür (zu) viele gegen sich. Ein Thema, das die Schlagzeilen seit dem Rostock-Spiel beherrscht hat. Geschäftsführer Christian Werner sprach von „Wettbewerbsverzerrung“, der DFB reagierte deeskalierend („immer gesprächsbereit“). Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet, doch man stelle sich vor, am Sonntag kommt es erneut zu strittigen Strafstoßszenen. Elfmeter für Essen, kein Elfmeter für 1860 – beides könnte die Pulsuhren auf der Löwen-Bank in Rekordhöhen treiben.
Schade vor diesem Hintergrund, dass es Kölns Olaf Janßen ist, der sich erstmals für MagentaSport vollverkabeln lässt. Wäre es Argirios Giannikis und das Spiel nähme einen Verlauf wie gegen Rostock, man müsste als übertragender Sender wohl kreativ werden. Piepstöne über die Verwünschungen legen – oder Fäuste, Blitze und Totenköpfe wie bei Asterix. Was Janßen dazu bewogen hat, sich als „Cable Coach“ zur Verfügung zu stellen, begründet der Ex-Löwe mit Dienst am zahlenden Kunden: „Denen die Möglichkeit zu geben, einem Trainer 90 Minuten zuzuschauen und zu hören: Was macht er da, was tut er da? Das ist für mich ein Weg, den Fans etwas zurückzugeben.“
Was war sonst diese Woche? Im Löwen-Umfeld gibt es Aufregung, weil Sechzger.de herausgefunden hat, dass der erste Kaderspieler vorzeitig bis 2027 verlängert hat. Keines der Supertalente wie Lukas Reich oder Raphael Ott, sondern Torhüter René Vollath (34), den viele Fans nach dem Totopokal-Aus gegen Haching zum Teufel gewünscht hatten. Vier Tage vor besagtem Spiel wurde laut Transfermarkt der neue Vollath-Vertrag gültig, womöglich per Klausel. Und apropos Haching: Auch die Kooperation der vermeintlich kleinen Vorstädter mit dem FC Bayern hat das Zeug dazu, den Löwen Ärger zu machen. Keines der letzten vier Duelle konnten die 1860-Profis gewinnen – die U 19 verlor gar deutlich das jüngste Bundesliga-Derby (0:3). Wächst im aktuellen Tabellenvorletzten mittelfristig ein Verein heran, der den Löwen das Leben noch unangenehmer machen könnte? „Schwer abzuschätzen“, sagte Giannikis auf Nachfrage und blockte das Thema schnell ab: „Wir gucken lieber auf uns, auf unseren Alltag und unsere Entwicklung.“
Das Spiel am Sonntag war natürlich auch ein Thema bei der Pressekonferenz am Freitag. „Ziel ist immer zu gewinnen“, sagte der 1860-Coach, der selber mal Trainer bei Rot-Weiss Essen war: „Wir müssen unser Spiel durchdrücken. Die Hafenstraße ist kein Zuckerschlecken.“ Auch nicht für den Unparteiischen. Man darf gespannt sein, wen der DFB mit der Spielleitung beauftragen wird. Bis zum Druck dieser Ausgabe war noch kein Schiedsrichter angesetzt.
ULI KELLNER