„Deutschland wird zurückschlagen“

von Redaktion

Ist Österreich die neue Rodel-Nation Nummer eins? Georg Hackl im Interview

Österreich war in Oberhof in Feierlaune. © IMAGO/Koenig

Georg Hackl hat die österreichische Rodelmannschaft auf Erfolgskurs gebracht. © IMAGO/HAIST

München – Georg Hackl und das österreichische Rodel-Team, für das der 58-Jährige als Trainer tätig ist, schwimmen aktuell auf einer Erfolgswelle. Nach den ersten drei Weltcup-Rennen stehen bei den Männern gleich drei Österreicher ganz oben. Und bei den Frauen fuhr Madeleine Egle zuletzt zweimal auf Platz eins. Im Interview ordnet der „Hackl Schorsch“ die aktuellen Ergebnisse ein und spricht über das österreichische Erfolgsrezept.

Herr Hackl, Ihre Weihnachtsferien haben quasi schon begonnen – und wie: Beim letzten Weltcup in Oberhof gab es einen Vierfacherfolg der österreichischen Herren. Wie oft haben Sie sich gekniffen in den letzten Tagen?

Das eine oder andere Mal (lacht). Aber Spaß beiseite: Es ist ein sehr angenehmes Gefühl, wenn die Arbeit des Teams und allen anderen Beteiligten belohnt wird. Das ist eine schöne Situation, aber ich sage auch ganz bewusst: eine Momentaufnahme, die man nicht überbewerten braucht. Es ist in Innsbruck und in Oberhof richtig gut gelaufen.

Vor allem Oberhof hat Eindruck hinterlassen, weil Österreich im „Wohnzimmer der Deutschen“ triumphiert hat.

Das war besonders überraschend. Wir wussten schon, dass unsere Mannschaft gut drauf ist, aber dass es in dieser Leistungsdichte funktioniert, ist auch für mich etwas unheimlich. Es hatte sich nicht abgezeichnet. Die Tagesform hat gestimmt, dazu haben wir aber auch von den Fahrfehlern der Deutschen profitiert.

Das Können haben Ihre Athleten in den letzten Jahren schon immer wieder aufblitzen lassen. Erleben Sie nun den nächsten Schritt?

Wir sind auf einem guten Weg. Trotzdem war Innsbruck ein Heimvorteil, dieses Jahr sogar noch ein größerer als sonst. Vom neuen Damenstart hatten wir drei Tage mehr auf der Bahn zur Verfügung. Die Männer allerdings sind konstant und geschlossen stark, egal, wo wir hinkommen. Die schenken sich gegenseitig nichts, jeder will gewinnen.

… und jeder kann auch gewinnen?

Es ist enorm momentan, das stimmt. In allen Konkurrenzen haben wir mehrere heiße Eisen im Feuer. Und bei den Männern können sich alle vier immer ganz vorne platzieren. Das ist eine Situation, die ich als Trainer wirklich nicht oft hatte. Um die Leistungsdichte beneiden uns andere Nationen.

Pushen sich die Sportler gegenseitig – oder gibt es auch Neid?

Für mich war die Entscheidung, nach Österreich zu gehen, auch vom Teamgeist und dem Zusammenhalt im Team begünstigt worden. In Österreich sagt man: Das sind alles feine Menschen. Alle sind in der Lage, sehr gut miteinander umzugehen, sich gegenseitig anzufeuern, den Erfolg zu gönnen. Da ist nicht einer dabei, der quertreibt. Das ist ein sehr angenehmes Arbeiten.

Ein Arbeiten, das Sie aus Deutschland nicht kannten.

Das würde ich jetzt nicht so sagen wollen. Aber es ist in Österreich besonders auffallend und ausgeprägt. Das erlebt man im Sport selten. Daher sage ich den Sportlern oft, dass sie sich das bewahren müssen. Der Spirit ist einzigartig.

Ist das der Hauptgrund für den Erfolg?

Das ist ein guter Grund. Aber wir haben auch einen neuen Athletik- und Starttrainer, der mit den Physios eng zusammenarbeitet. Da greift ein Rad ins andere. Die Startphase war immer noch eine kleine Schwäche in unserem Team. Dass es da jetzt immer besser läuft, ist auf diese Arbeit zurückzuführen. Die leistungsbestimmenden Bausteine werden bei uns immer weiter optimiert.

Der Laie denkt sich, Deutschland wurde als Rodel-Nation Nummer eins abgelöst.

(lacht) Ach, da muss man nicht übertreiben. Wir wissen doch alle, was ein Max Langenhan und ein Felix Loch können, dazu die jungen Deutschen, die nachrücken. Für Österreich ist es halt jetzt gut gelaufen. Aber die Deutschen werden ab sofort auf Revanche sinnen. Das ist doch gut und schön so für unseren Sport. So ist Rodeln unterhaltend. Wenngleich Max Langehan für mich der überragende Mann bleibt.

Ist der Umbruch von Norbert Loch auf Patric Leitner in Deutschland ein Grund, warum es noch nicht so läuft wie erhofft?

Umbruch würde ich das nicht nennen. Man hat einen neuen Cheftrainer – den ich übrigens sehr schätze. Von solchen Veränderungen auf die Leistung zu reflektieren, wäre überzogen. Alles, was ich mitbekomme, ist, dass sich die Stimmung im deutschen Team sehr gut entwickelt hat. Ich bin mir sicher, dass die Deutschen bald wieder performen werden. Die stolze Rodel-Nation wird zurückschlagen (lacht).

Ihr Ziel aber kann nur der Gesamtweltcup-Sieg sein, oder?

Genau – und der Weltmeister-Titel, der in Whistler vergeben wird. Nach dem schönen Saisonauftakt hoffe ich, dass es so weitergeht. Die Sportler nutzen die Weihnachtstage, um die letzten Körner rauszukitzeln.

Dann ist 2025, das vorolympische Jahr. Wie viel Olympia ist schon in Ihrem Kopf?

Immer mehr, weil der Bau der Bahn in Cortina auf einem guten Weg ist. Womöglich kann man die Bahn noch im Frühjahr homologieren, dann kennen wir die Anforderungen. Schon jetzt aber freuen wir uns auf den tollen Schauplatz für Olympische Winterspiele.

… und ein schönes deutsch-österreichisches Duell?

Auf jeden Fall (lacht).


INTERVIEW: HANNA RAIF

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