Verzweifelt: Guardiola steckt erstmals in seiner Trainerkarriere in einer tiefen Krise. © Bonotto/AFP
Tut schon beim Hinschauen weh: Gegen Feyenoord (3:3) war Guardiola so sauer, dass er sich Nase und Kopfhaut zerkratzte. © X
Kennt Pep Guardiola bestens: Biograf Guillem Balague. © IMAGO/Impey
Wenn Worte ins Leere gehen: Balaguem glaubt, dass Peps Botschaften vor allem bei den älteren Spielern wie Ilkay Gündogan & Co immer schlechter ankommen. © IMAGO
Manchester – Acht Pleiten in den jüngsten elf Pflichtspielen und in der Premier League nur auf Platz fünf: Manchester City steckt in der tiefsten Krise seit Jahren, und auch Trainer Pep Guardiola scheint an seine Grenzen zu stoßen. Nach der jüngsten Niederlage im Derby gegen Manchester United (1:2) übte er ungewöhnlich scharfe Selbstkritik. Was geht in Peps Kopf vor? Das Interview mit Guardiola-Biograf Guillem Balague.
Herr Balague, die Krise verschärft sich immer mehr. Jetzt geißelt sich Guardiola auch noch selbst. „Ich bin nicht gut genug, so einfach ist das“, sagte er nach der Pleite gegen Manchester United. Wie groß sind seine Selbstzweifel wirklich?
Nun, der der Schlüssel bei ihm ist, zwischen den Zeilen zu lesen. Denn in seinen Aussagen nach dem Spiel sind eine Menge Hinweise versteckt. Es gibt zwei interessante Punkte.
Welche?
Erstens: Wenn er sagt, dass er nicht gut genug ist, meint er das nicht wirklich so. Aber man bekommt einen Einblick in sein Gehirn. Er hat Zweifel. Die hatte er schon immer. Er zweifelt sogar mit der gleichen Intensität an sich selbst, wie er gleichzeitig auch an sich glaubt. Die Probleme sind aktuell so groß, dass sie über taktische Dinge hinaus gehen – und nicht leicht zu identifizieren sind. Denn wenn sie das wären, hätte er sie schon längst gelöst.
Was ist ihre Analyse?
Es hat etwas mit den vielen Erfolgen der letzten Jahre zu tun: Die Spieler sind satt. Das mag etwas Natürliches sein. Nur: wenn man dann nachlässt, kann das zu mangelndem Selbstvertrauen führen. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was einer Mannschaft passieren kann.
Und zweitens?
Ich glaube, er hat tief in seinem Inneren das Gefühl, dass er nicht mehr die richtigen Spieler für seine Art Fußball zu spielen hat. Das liegt nicht nur, aber auch an den vielen Verletzten. Ein Beispiel …
Bitte!
Als Rodri sich verletzte, hat er überlegt, Akanji auf der Sechs spielen zu lassen. Dann haben sich aber die Innenverteidiger verletzt und schließlich auch noch Akanji selbst. Pep kann aktuell nur reagieren. Unabhängig davon hätte der Club aber den Kader erneuern müssen – und das ist nicht passiert.
Stattdessen sind alternde Spieler wie Kyle Walker immer noch im Verein …
Einige Spieler wollten weg. Bernardo Silva zum Beispiel. Oder Kevin De Bruyne: Er wird nie wieder das Niveau erreichen, das er einmal hatte. Und Kyle Walker ist auf dem absteigenden Ast. In seinem vierten Jahr bei Barcelona konnte man bei Pep Ähnliches beobachten: Spieler, die schon lange unter ihm spielen, lassen sich irgendwann weniger von seinen Worten beeinflussen. Er braucht junge, formbare Spieler, mit denen er arbeiten kann.
Inwieweit muss man sich sogar Sorgen machen um Pep? In der Vorwoche gab er zu Protokoll, nicht mehr richtig essen zu können. Davor kratzte er sich an der Seitenlinie den Kopf und die Nase blutig.
Das ist Teil seiner Persönlichkeit. Er ist sehr ängstlich, er denkt viel nach. Das ist genau das, was er jetzt hauptsächlich machen wird: Denken und tun, tun, tun. Und hier wird es interessant. Ich schreibe gerade ein Buch über Unai Emery und Aston Villa. Sie hatten eine Phase, in der sie acht Spiele hintereinander nicht gewinnen konnten. Aber anstatt mehr zu tun, haben sie angefangen, weniger zu machen. Weniger Taktikbesprechungen, weniger Training, das hat die Spieler irgendwie entspannt. Pep geht den umgekehrten Weg. Er macht mehr. Aber es wird nicht einfach sein, den Trend umzukehren.
Pep ist als Perfektionist bekannt. Es scheint, als belaste es ihn persönlich sehr, dass City nicht auf dem gewohnten Level spielt.
Wenn man die Kratzer auf seinem Kopf gesehen hat: Ja, das ist eine persönliche Angelegenheit. Als die Dinge noch gut liefen, mahnte er zur Vorsicht, dass auch noch schlechte Zeiten kommen würden. Aber er hätte nicht gedacht, dass es so schlimm werden würde.
Im Prinzip ist es die erste große Krise seiner Trainerkarriere. Wie schwierig ist es für ihn, sich darauf einzustellen?
Er sieht die Krise als ein Hindernis, das überwunden werden muss. Er weiß, dass sie in einem tiefen Loch stecken und dass es lange dauern wird, bis sie da wieder herauskommen.
Hat er bei City den Absprung verpasst? Er bestreitet aktuell bereits seine zehnte Saison in Manchester.
Ich glaube, er ist schon zu lange in der Premier League. Eines ist sicher: Seine Ära als Vereinstrainer geht zu Ende. Pep denkt auch schon lange über den Abschied nach. Ich war überrascht, dass er seinen Vertrag bis 2027 verlängert hat. Aber er wollte den Verein nicht verlassen, weil er in Schwierigkeiten war.
Krisen erzeugen Druck. Glauben Sie, dass die Negativphase seine Pläne verändern und er sich schon früher verabschieden könnte?
Ich denke, er wird sich das Ziel setzen, das Team wieder aufzubauen und unter die Top 4 der Premiere League zu kommen. Das wird seine letzte Herausforderung sein, bevor er den Verein verlässt.
INTERVIEW: JOHANNES OHR