Rührender Moment: Varfolomeev tröstet ihre Teamkollegin Kolosov nach dem Olympia-Finale. © IMAGO
Da wird der Kanzler zum Fan: Darja mit Olaf Scholz im Deutschen Haus in Paris. © Imago
München/Paris – Im Moment ihres größten Erfolgs dachte Darja Varfolomeev ganz schnell an ihre Teamkollegin. Nach der letzten Übung und der Goldmedaille in der Rhythmischen Sportgymnastik bei den Olympischen Spielen brach es aus Varfolomeev heraus, weinend lag sie am Boden. Und ging dann schnell zu Margarita Kolosov, um der Teamkollegin nach dem vierten Platz und der verpassten Medaille Trost zu spenden. Eine rührende Reaktion, und das mit 17 Jahren. „Ich weiß, wie viel Margarita investiert hat. In unserer Sportart geht es um Perfektion, ein kleiner Fehler kann die Medaille kosten“, sagt die Olympiasiegerin unserer Zeitung: „Meine Gedanken waren gleich bei Margarita. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen und habe ihr gesagt, dass wir in vier Jahren wieder zusammen bei Olympia sind.“
Varfolomeev begeisterte in Paris mit ihren Übungen, setzte sich einmal mehr die Krone der Rhythmischen Sportgymnastik auf. Sie ist eine begnadete Entertainerin auf der Matte, eine Bewegungskünstlerin, die Perfektion leicht aussehen lassen kann. Und das auch auf der größten Bühne des Sports. Die letzten vier Jahre schwebte Paris immer in ihrem Kopf herum. „Ich habe alles in diese Olympischen Spiele investiert. Das war eine unheimlich intensive Zeit und ein anstrengendes Jahr. Es ist wunderschön, dass ich mich dann mit der Goldmedaille belohnen konnte.“
Mit Gold belohnt
Mit drei Jahren nahm Mama Tatjana sie das erste Mal mit in die Halle, mit zwölf Jahren zog sie von Barnaul in Russland nach Fellbach an die Stadtgrenze Stuttgarts. „Da hast du schon so viel Willenskraft und Mut bewiesen, du hast immer an deinen Traum geglaubt“, sagte Angelique Kerber in ihrer Laudatio zur neuen Sportlerin des Jahres Varfolemeev. Von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte sie schon das Silberne Lorbeerblatt erhalten, Olaf Scholz posierte in Paris für ein Foto mit der mittlerweile 18-Jährigen. „Unser Sport steht nicht im Rampenlicht, ich hoffe, dass ich viele Menschen für die Rhythmische Sportgymnastik begeistern kann. Wir stecken so viel Arbeit in unseren Sport, und das nicht nur bei den Olympischen Spielen, sondern das ganze Jahr über“, sagt Varfolomeev: „Ich hoffe, dass wir auch abseits von Olympia mehr gesehen werden.“
Die Ausnahmesportlerin hat schon wieder die nächsten Ziele im Blick. Weltmeisterschaft 2025 in Rio de Janeiro, Weltmeisterschaft 2026 in Frankfurt und 2027 die Qualifikations-Weltmeisterschaft in Aserbaidschan. Und dann natürlich die Olympischen Spiele in Los Angeles. „Ich setze mir immer bewusst große Ziele. Den meisten Druck mache ich mir also selbst. Wenn man diesen Anspruch nicht hat, kann man sich nicht weiter pushen und weiter verbessern.“
Von der Arena in Paris auf die Schulbank
Doch zunächst geht der Blick wieder intensiver Richtung Schule, die zehnte Klasse muss nachgeholt werden. Von der Arena Porte de la Chapelle mit einer Goldmedaille im Gepäck wieder auf die Schulbank. „Das war schon schwer, wieder reinzukommen“, sagt Varfolomeev: „Das sind ja zwei unterschiedliche Welten, der Spitzensport und dann die Schule.“ Was ist da anstrengender, das Training oder eine Matheklausur? Da muss sie lachen. „Das Training fällt mir ein bisschen leichter. Schule ist nicht so ganz meins, da ist mir der Sport lieber.“
Und Darja wäre nicht Darja, wenn der Blick schon wieder nach vorne ginge. „Ich habe jetzt die Goldmedaille, aber nächstes Jahr muss man wieder abliefern.“
NICO-MARIUS SCHMITZ