Der Mann und das Tier: Kobayashi und der Adler. © EXPA
Oberstdorf – Im zweiten Trainingssprung am Samstag, das Stadion am Schattenberg war nur spärlich gefüllt, war dieses mulmige Gefühl dann doch wieder da. Bis auf 134 Meter war Ryoyu Kobayashi da gesegelt. Nur vier Athleten waren besser. Und die Blicke, die die Trainer und Athleten der 73. Vierschanzentournee in Richtung Auslauf sandten, hatten etwas von: „Er wird doch nicht…?“
Er hat halt schon so oft in der Vergangenheit, dieser Ryoyu Kobayashi. Auch im Vorjahr hatte keiner den Japaner auf dem Weg nach Oberstdorf so recht auf der Rechnung haben wollen. Am Ende war es doch wieder er, der nach vier zweiten Plätzen in den Tagesklassements in Bischofshofen den goldenen Adler stemmte. Auch in Oberstdorf hat der 28-Jährige seinen Lieblingsvogel schon wieder ein bisschen auskosten dürfen. Als Titelverteidiger brachte er die Trophäe nach der Qualifikation in den Auslauf.
Klar, der Mann, der sich selbst einen Neo-Japaner nennt, weil ihm der Begriff so gut gefiel, hat schon oft bewiesen, dass er da sein kann, wenn es wirklich wichtig wird. Doch diesmal schien der Weg dann doch um einiges weiter zu sein als in der Vergangenheit. Der Mann, der sich so katapultartig in die richtige Fluglage bringen kann wie kaum ein zweiter in der Szene, hatte sich wie sein gesamtes Team durch Sommer und Herbst geschwächelt.
Aufgefallen ist er nur einmal. Auf einer spektakulären Einmal-Schanze, die sein Sponsor Red Bull auf Island für ihn errichtet hatte, wollte er die 300-Meter-Schallmauer angreifen. Klappte nicht ganz, doch bei immer noch atemberaubenden 291 Metern setzte Ryoyu Kobayashi auf. Weltrekord, wenn auch nur inoffiziell. Der Weltverband FIS erkennt Bestmarken nur an, wenn sie bei offiziellen Wettbewerben und auf, von ihm geprüften Schanzen ersprungen werden.
Es wird ihm egal gewesen sein. Der Mann gibt nicht viel darauf, was andere über ihn sagen. Als er im Winter 2018/19 zum ersten Mal die Tournee beherrschte, ließ er seinen Übersetzer Markus Neitzel einmal der Weltöffentlichkeit mitteilen, er sei ein „Neo-Japaner“. Was das heißt, war nicht weiter wichtig. Später verriet er, dass er den Begriff nur benutzt hatte, weil er ihm so gut gefiel.
Ungefähr so hält er es auch sportlich. Er geht seinen eigenen Weg, trainiert vornehmlich mit seinem finnischen Privatcoach Janne Väätäinen. Wenn jemand mitreden darf, dann ist es sein österreichischer Mastermind Richard Schallert. Aber sein System ging ja auch allzu oft auf. Ryoyu Kobayashi hat schon zweimal den Gesamtweltcup gewonnen, war Olympiasieger, WM-Zweiter und eben schon dreimal Tourneesieger.
Die Konkurrenz dieser Tage hat das ganz gewiss nicht vergessen.
RP