Die Gegenfrage stellte Joshua Kimmich den Reportern am Samstagabend schmunzelnd. „Habt ihr mein Interview auf Sky nicht gesehen?“, entgegnete der Regisseur des FC Bayern denjenigen, die ihn abseits der TV-Kameras auf seine Vertragssituation angesprochen hatten. Weil die Antwort kurz nach Abpfiff des 1:0 in Mönchengladbach allerdings „Nein“ lautete, holte Kimmich halt nochmal aus. Sieben Minuten lang stellte er sich – und antwortete mit so viel Ehrlichkeit und Geduld, wie man sie sich in dieser von glattgebügelten Berater-Statements durchsetzten Branche deutlich öfter wünschen würde.
Natürlich, die Ähnlichkeit der Aussagen ließ genau wie der Verweis auf das bereits abgegebene Statement den Schluss zu, dass auch Kimmich bestens gebrieft war und seine Aussagen bewusst platzierte. Und dennoch hoben sich die Worte so erfrischend von den üblichen Floskeln der Kollegen ab, dass sie auffielen und nachhallen. Die Öffentlichkeit weiß jetzt aus erster Hand, was sie zuvor nur erahnen konnte. Nämlich dass Kimmich sich rund um den wohl letzten großen Vertrag seiner Karriere Gedanken macht, die etwas weiter greifen als der bloße Blick auf den Kontoauszug. Sportliche Perspektive, Familie, Wertschätzung: All das spielt eine Rolle in der Entscheidung, für die sich der Champions-League-Sieger von 2020 Zeit nehmen will. So viel Zeit, wie sich mit der Verantwortung, die er gegenüber seinem Verein verspürt, vereinbaren lässt.
Vielleicht ist es nicht ganz fair, die intellektuell weit über dem Durchschnitt angesiedelten Profis als Maßstab zu nehmen. Und trotzdem darf die Personalie Kimmich als positives Beispiel dafür herangezogen werden, dass es im Fußball-Zirkus auch noch anders geht. Es gibt sie noch, die Informationen, die nicht hintenrum, mit Berechnung und geknüpft an Bedingungen, sondern offen und geradeaus aus den Mündern von Menschen kommen, die für sich sprechen. Wenngleich Kimmich ein Unikat ist: Nachahmer herzlich erwünscht!
Der designierte Bayern-Kapitän – wenn er denn will – agiert ohne Spielerberater, in Medienfragen aber hat er Experten an seiner Seite. Das ist sein gutes Recht, genau wie das Bemühen, die Verhandlungen mit öffentlichen Worten in die richtige Richtung zu lenken. Am Ende, da sind sich alle Seiten so gut wie sicher, wird er verlängern. Aber auf dem Weg dahin gibt er den Ton an – auf allen Kanälen.