Wie lange ist er noch der Chef? Kimmich mit Coman. © IMAGO
Mönchengladbach – Der Interview-Marathon, den Joshua Kimmich nach dem 1:0 in Gladbach hinlegte, war lang. Aber obwohl diverse Mitspieler längst geduscht an ihm vorbei in Richtung Bus geschlendert waren, meisterte der Regisseur des FC Bayern ihn geduldig, ausdauernd, tiefenentspannt. Ein paar Sätze zum Spiel gab er an jeder Station von sich, dann aber ging es schnell ums Wesentliche. Vertragsverlängerung ja oder nein? Kimmichs offene Worte lauteten: Jein.
„Es ist ein sehr entscheidender Moment in meiner Karriere“, sagte der 29-Jährige, ehe er tatsächlich recht tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt zuließ. „Wir alle, ich selber“, führte er aus, „kennen gute Gründe, um zu verlängern. Die Argumente sind da.“ Trotzdem wolle er „abwägen, wo ich in den nächsten drei, vier Jahren sportlich den maximalen Erfolg haben kann“. Dass er nicht der erste Dominostein der anstehenden Vertragsverlängerungen sein wird, den Sportvorstand Max Eberl für „bald“ ankündigte, war aus seinen Aussagen herauszuhören. Da stand ein Mann, der reflektiert versucht, einen möglichen Scheidepunkt in seinem Leben zu moderieren. Eine echte Richtung war aus all den Aussagen nicht herauszuhören.
Kimmich sprach daher auch ganz bewusst von den „nächsten Wochen und Monaten“, in denen er „eine sehr gute Entscheidung treffen“ möchte. Nicht ganz unbeeinflusst davon, wie sich Jamal Musiala und Alphonso Davies ihre Zukunft vorstellen: „Natürlich geht es auch darum, wie die Mannschaft in den nächsten Jahren aussehen wird, um erfolgreich zu sein. Das ist auch ein Faktor.“ Im Vordergrund steht klar der Erfolg: „Ich gehe nicht ins Ausland, um meinen Horizont zu erweitern.“ Eine Familie mit vier Kindern tut ihr Übriges: „Mit 19, 20 habe ich noch anders gedacht.“ Alles wichtige Gedankengänge im Kopf des designierten Kapitäns, die ihm allerdings nach eigenen Angaben „keine schlaflosen Nächte“ bereiten: „Ich bin dann schon einer, der alle Argumente versucht, zusammen zu sammeln.“ Zur Verzweiflung bringt ihn die Luxussituation, vom Herzensclub unbedingt gewollt, aber interessant für andere Topclubs zu sein, nicht.
Gut Ding will in diesem Fall Weile haben, aber Kimmich spürt auch „eine Verantwortung gegenüber dem Verein. Ich bin jetzt nicht der Spieler, der das bis zum Ende auszockt.“ Nicht erst „Ende Mai“ werde er für Klarheit sorgen, „ich möchte auch für mich persönlich irgendwann eine Entscheidung treffen“. Dass diese allerdings eher später als früher fallen wird, macht die Gesamtlage für das sportliche Führungsduo um Eberl und Christoph Freund nicht unbedingt einfacher.
Gleich sechs Spieler mit auslaufenden Verträgen standen in Gladbach auf dem Platz – wobei der Wichtigste ja sogar fehlte. Grippekrank hatte Jamal Musiala die Reise nicht mit angetreten, gesprochen aber wurde trotzdem über ihn. „In Ruhe“, sagte Eberl im ZDF, arbeite man an der Verlängerung, „und irgendwann wird es die Überraschung geben.“ Mit Störgeräuschen von außen, wie zuletzt Berichten über eine mögliche Ausstiegsklausel, müsse man umgehen: „Wir stehen intern stark zusammen, das sind super Gespräche.“ So wie übrigens auch bei Arijon Ibrahimovic, der vor einer Leihe zu Lazio Rom steht. Der viel zitierte erste Dominostein allerdings ist der 19 Jahre alte Stürmer mangels Bedeutung nicht. Vielmehr kündigte Manuel Neuer in Gladbach baldigen Vollzug an: „Wir freuen uns alle drauf.“ Dann ging er duschen – während Kimmich weiter redete.
H. RAIF, M. BONKE