Polen, Schweiz, Tschechien in der Vorrunde – fast schon Pflichtsiege. Danach in der Hauptrunde vermutlich Dänemark, Tunesien und Algerien – bis auf die Dänen mehr als machbar. Wer sich den Turnierbaum der heute beginnenden Handball-Weltmeisterschaft anschaut, kann aus deutscher Sicht nur zufrieden sein. In den ersten sechs Partien ist wenig Kniffliges zu erwarten. Das liegt einerseits an den nicht allzu namhaften Gegnern und an der eigenen Klasse, die im DHB-Team mittlerweile wieder vorhanden ist. Ein „zweiter Anzug“ ist schwer auszumachen, nahezu jede Position ist gleichwertig stark besetzt. Ja, der letzte Test gegen Brasilien (28:26) war keine Glanzleistung. Aber selbst ein Spiel mit einer solch desaströsen Chancenverwertung in der Schlussphase noch zu gewinnen, ist auch etwas wert. Zumal die Südamerikaner, in den vergangenen Jahren zumindest immer verlässlicher Hauptrunden-Teilnehmer, derart viele Emotionen in diese Partie warfen, als wäre es ein K.o.-Duell.
Ob nun, wie vielfach geschrieben, ein WM-Fluch auf Deutschland lastet oder nicht – die Mannschaft von Alfred Gislason hat definitiv die Möglichkeit, das erste Edelmetall seit dem Heim-WM-Wintermärchen von 2007 zu holen. Für den Bundestrainer wäre es die Bestätigung der vielleicht etwas überraschenden olympischen Silbermedaille aus dem Sommer. Denn bis dahin lief die Amtszeit des isländischen Hoffnungsträgers, die vor fünf Jahren begann, alles andere als reibungslos. Bei zwei Turnieren scheiterte man in der Hauptrunde und insbesondere die sehnsüchtig erwartete Heim-EM vor einem Jahr ging mit Platz vier (und vor allem vielen schwachen Auftritten) in die Hose.
Im deutschen Handball wird oft weit vorausgedacht, das nächste Heim-Highlight, die WM 2027, ist bereits präsent bei den Verbandsbossen. Doch wichtiger ist die Aktualität. Natürlich hat das junge Team Perspektive, aber es ist auch jetzt schon gut genug. Warum nicht eine Medaillenserie starten, wie es Frankreich oder Dänemark vorgemacht haben? Zumal sich, abgesehen vom Co-Gastgeber, viele Top-Teams im Umbruch befinden. Dieses Siegerpotenzial muss in die (Spieler-)Köpfe – und zwar positiv besetzt. Denn nach Juri Knorr in der Vergangenheit läuft derzeit auch U21-Weltmeister und Olympia-Shootingstar Renars Uscins Gefahr, mental zu kriseln. Wenn das passiert, können auch kleine Gegner schnell ziemlich groß werden.
MATHIAS.MUELLER@OVB.NET