INTERVIEW

„Wir brauchen eine Gehaltsobergrenze“

von Redaktion

Die Club-Bosse Filbry und Göttlich über die Zukunft des deutschen Profifußballs

Bayerns Joshua Kimmich und Bremens Keke Topp im Hinrunden-Duell. © IMAGO/Eibner

Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli. © IMAGO/Taeger

Klaus Filbry, Bremen-Boss. © IMAGO/Steinbrenner

München – Am Donnerstag treffen sich die 36 Clubs der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga zur Mitgliederversammlung im Frankfurter Marriott-Hotel. Clubs der zweiten Liga haben dieses Treffen durchgesetzt. Es geht um die Verteilung von 1,3 Milliarden Euro pro Saison aus der Medienvermarktung der Bundesligen. Klaus Filbry, Geschäftsführer von Werder Bremen, und Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, diskutieren über Zukunftsperspektiven des deutschen und europäischen Profifußballs.

Herr Filbry, bis zur Saison 1992/1993, als Werder Bremen Deutscher Meister wurde, gab es vom Fernsehen umgerechnet 2,5 Millionen Euro für Ihren Club. Die Bayern waren damals im Vorjahr Zehnter geworden und bekamen genauso viel Geld aus der TV-Vermarktung. Wünschen Sie sich diese Zeiten zurück?

Filbry: In der Bundesliga treiben insbesondere die europäischen Wettbewerbe, bald zudem noch die Klub-WM mit ihrer immensen Antrittsgage, die Spreizung extrem auseinander. Der Wettbewerb wird so zementiert. In der zweiten Liga bekommt der Erste das 2,25-fache des Letzten. In der ersten Liga ist es unter Miteinberechnung der internationalen Erlöse ein Verhältnis von 14:1 beim Vergleich des Tabellenführers mit dem Schlusslicht. Dass das für die Attraktivität der Bundesliga, die vom spannenden Wettbewerb lebt, so nicht gesund sein kann, ist unschwer zu erkennen.

Was ist zu tun?

Filbry: Wir müssen endlich anfangen, die Ich-Perspektive zu verlassen und uns damit beschäftigen: Was sind die Herausforderungen der Liga als Ganzes? Vor allem jene: Wie steht es um die Wettbewerbsintegrität und die Durchlässigkeit nach oben und unten?

Tatsächlich ist die Struktur doch ziemlich festgefahren. Oben die Reichen, dann ein paar im Mittelstand festsitzende Clubs, die man nicht ernsthaft als Verfolger bezeichnen kann?

Filbry: Diese zunehmend zementierten Cluster gilt es in der Tat aufzubrechen.

Göttlich: Genau. Denn was tun wir derzeit? Wir garantieren wenigen Spitzenklubs Sicherheit, um ihre Chance auf Erfolg deutlich zu erhöhen. Das widerspricht dem Naturell und dem Kern dieses Sports. Richtig wäre, es so zu organisieren: Das Geld folgt dem Sport und nicht der Sport dem Geld. Diese Perspektive haben wir ein Stück weit verloren. Das ist eine fatale Entwicklung, die uns an die Grenzen der Solidarität und eines demokratischen Miteinanders führt. Das sollten wir bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am Donnerstag besprechen. Das ist das Thema.

Was fürchten Sie außerdem?

Göttlich: Wir werden eine Verschiebung des Rahmenterminkalenders erleben, der eine Gefahr für die nationalen Ligen darstellt. Ich sage jetzt voraus: In fünf bis spätestens zehn Jahren werden wir die Diskussion haben, dass die Champions League am Wochenende spielen will. Die Bundesliga kann dann zusehen, ob sie dienstags und mittwochs noch Termine findet. Ich freue mich auf die Diskussionen, die wir dann mit der Fanseite haben werden.

In der Champions League nahm der FC Bayern zuletzt 108 Millionen Euro alleine aus Uefa-Prämien ein. Erwarten Sie, dass die Bayern Geld an die Bundesliga weiterreichen, damit auch Werder und St. Pauli etwas davon abbekommen?

Filbry: Nein. Das haben die sich sportlich erarbeitet. Ich glaube aber, dass es ein wichtiges Instrument der Regulatorik braucht: die Gehaltsobergrenze. Das wäre ein Mittel, um den Wahnsinn einzugrenzen, der bezüglich der Gehälter passiert. Aus meiner Sicht ein wichtiger Baustein, um Wettbewerbsintegrität wieder herzustellen.

So irre der Wahnsinn mit Gehältern von bis zu 70 000 Euro am Tag auch inzwischen geworden ist – es erscheint doch nahezu unvorstellbar, Gehaltsobergrenzen für Fußballprofis durchzusetzen? Da dürfte der FC Bayern niemals mitmachen.

Filbry: Wir sehen ja am US-amerikanischen Modell, wie das gut funktionieren kann. Zudem befinden wir uns aktuell in einem ungesunden Wettbewerb, unter anderem mit Staatskonzernen. Deshalb denke ich, dass es auch bei Bayern München die Erkenntnis geben sollte, dass eine Gehaltsobergrenze im Wettbewerb mit Manchester City oder Paris Saint-Germain vielleicht nicht die dümmste Regelung wäre.

Göttlich: Ich bin mir sehr sicher, dass Bayern München eine Gehaltsobergrenze absolut befürworten würde, um die Kaderkosten zu begrenzen. Denn wir stehen in einem bodenlosen Wettbewerb, der die Kosten immer weiter hoch und die Vereine an den Rand ihrer Möglichkeiten treibt. Eine Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass vieles schiefläuft, ist wichtig. Es kann doch nicht das Ziel sein, dass wir eines Tages Kaderkosten von einer Milliarde Euro erleben.


INTERVIEW:

JAN CHRISTIAN MÜLLER

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