Comeback mit Tradition

von Redaktion

Trainerlegende Wolfgang Pichler belebt Ruhpoldings Biathlon-Weltcup neu

Zu Gast in der alten Heimat: Madalena Neuner. © dpa

Die Partymeile ist zurück: Der Championspark im Ruhpoldinger Ortskern feiert sein Comeback. © Imago

Im Geiste Schwede: Wolfgang Pichler. © IMAGO

Ruhpolding – Wolfgang Pichler atmet einmal tief durch: „Es geht wieder in die richtige Richtung“, sagt die Trainerlegende mit Blick auf die anstehenden Biathlon-Feiertage in Ruhpolding. Seit Corona war die Traditionsveranstaltung durch ein Tal gegangen – bis die Veranstalter 2023 drastische Maßnahmen gezogen haben. Bürgermeister Justus Pfeifer trat von seinem Posten als Chef des Organisationskomitees (OK) zurück und Pichler wurde als Sportbotschafter eingestellt. „Das war schon ziemlich runtergewirtschaftet“, sagt der noch 69-Jährige.

Mittlerweile freut sich der langjährige Trainer des schwedischen Teams wieder auf den Weltcup in seinem Wohnzimmer. Ein Grund dafür ist die Rückkehr des Championsparks in den Ruhpoldinger Ortskern. Wo in den nächsten Tagen die Siegerehrungen stattfinden, zogen am Dienstagabend die einzelnen Nationen ein. „Letztes Jahr war die volle Kapelle da, ob der Boe oder die Franzosen, alle waren da“, sagt Pichler zum ersten Highlight der Biathlon-Woche.

Ein Highlight für ihn ist auch das umfassende Rahmenprogramm, an dem er maßgeblich beteiligt ist. Zum einen geben zahlreiche Biathlon-Legenden am Freitag fleißig Autogramme. „Ich glaube nicht, dass schon mal so viele Goldmedaillen an einem Tisch gesessen sind, wie diesmal“, so Pichler, der sich Magdalena Neuner (2x Olympia-Gold/12 WM-Titel), Michael Greis (3/3), Simon Schempp (1/4), Sven Fischer (4/7), Fritz Fischer (1/2), Jens Steinigen (1/0) und Ricco Groß (4/9) anschließt. „Da bin i schon stolz. I ruaf die Leid immer o, und frag ob’s da mitdoun“, sagt er unnachahmlich. Zum anderen veranstaltet er wie im Vorjahr wieder einen sieben Kilometer langen Fanmarsch von Ruhpolding bis in die Biathlon-Arena, bei dem auch Greis mitläuft. „Letztes Jahr waren es 300 bis 400, dieses Mal werden es garantiert mehr“, schwärmt er.

Man ahnt: Für Pichler ist dieser Weltcup eine Herzensangelegenheit. Er, OK-Chef Hermann Hipf und der ehemalige Stadionsprecher Karlheinz Kas haben Druck gemacht, „dass es wieder so wird wie früher“. Dazu gehört auch das 1500 Personen fassende Party-Zelt in der Chiemgau Arena. „Wir kriegen viele Anrufe aus Skandinavien, die nur kommen, wenn des Zelt da ist.“ Und das Gesamtpaket kommt scheinbar auch bei den Besuchern gut an. Schon im Dezember knackten die Veranstalter die Marke an verkauften Tickets aus dem Vorjahr – 2024 kamen etwa 70 000 Zuschauer. Zum Vergleich: Vergangene Woche beim ersten deutschen Heimspiel in Oberhof waren es knapp 60 000 Besucher.

Mit fast 70 Jahren – am 23. Januar hat er Geburtstag – ist Pichler nicht zu alt, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Von 1995 bis 2011 und von 2015 bis 2019 trainierte er die Schweden und brachte sie in die Weltspitze. Bis 2023 kümmerte er sich noch um den schwedischen Nachwuchs. Vom Sport konnte er aber auch danach nicht loslassen, sein Sommerprojekt in diesem Jahr war, an einem Tag 300 Kilometer zu radeln – und zwar nur zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl (etwa 24 Kilometer), „weil es mental schwerer ist“. So tickt Pichler, der 2020 beim Radfahren einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Seine neue Aufgabe ist es, dem bulgarischen Team zu helfen, noch konkurrenzfähiger zu werden. Und das scheint zu funktionieren: Im Sprint in Oberhof schaffte es die Bulgarin Milena Todorova bis aufs Podest. Im Rahmen des Close-the-gap-Programms des Weltverbandes (IBU) wurde ihm im Sommer ein Job als Berater angeboten. Keine einfache Aufgabe haben die Bulgaren doch erheblich weniger Mittel als das kleine bulgarische Team. „Das ist als kämpfe eine Schreinerei gegen Ikea“, sagt er. Eine zu dominante Nation sei nicht gut für eine Sportart, das sehe man beispielsweise im Langlauf, wo Norwegen dominiert, so Pichler. „Man hat gesehen, wenn sechs Norweger vorne drin sind, gehen die Einschaltquoten auch im Biathlon zurück.“

Aber wem drückt Pichler nun die Daumen, wenn am Sonntag im Massenstart Franziska Preuß und Elvira Öberg gleichzeitig auf die Zielgrade abbiegen? „Wahrscheinlich der Elvira. Im Geist bin ich a Schwede, aber ich freue mich, wenn die Deutschen gut sind.“
ALEXANDER VORMSTEIN

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