Tristesse: Zuletzt blieb Hoffenheim über acht Spiele in Folge ohne Sieg. © Strobel/dpa
Erinnerungen an den Sommer: Drei Treffer gelangen Andrej AKramaric (li.) beim 4:2 am letzten Spieltag gegen den FC Bayern. © IMAGO
Sinsheim – Ein Profi-Leben ist eng getaktet – und Führungsspieler sind in prekären Situationen besonders gefragt. Daher findet das Interview mit Andrej Kramaric (33) in aller Herrgottsfrüh statt. Von klaren Aussagen hält das den Rekordspieler der abstiegsbedrohten TSG vor der Partie am heutigen Mittwoch (20.30 Uhr) beim FC Bayern nicht ab. Im Gegenteil.
Herr Kramaric, ein Interview zur Frühstücks-Zeit – wie sehr knurrt der Magen?
Es geht, ein kleines Frühstück gab es schon.
Dann fragen wir anders: Wie groß ist der Hunger nach dem ersten Sieg nach acht Pflichtspielen ohne Dreier?
Wenn man so lange Zeit kein Spiel gewonnen hat, frustriert das natürlich. Wir wollen drei Punkte mitnehmen, denn das würde uns neue Energie geben, die wir dringend benötigen. Wir brauchen ein Erfolgserlebnis und werden alles dafür tun. Natürlich wissen wir aber, dass wir bei Bayern München spielen. Einfach wird das nicht.
Wie groß ist denn der Optimismus, es ausgerechnet in München zu schaffen?
Er ist da. Wir werden nach vorne schauen, alles geben und versuchen, zu gewinnen. Die Basics müssen dafür stimmen – und das Selbstvertrauen, auch wenn das im Moment schwieriger ist als zu anderen Zeiten. Trotzdem ist alles möglich. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass wir ein größeres Spiel auswärts gewinnen, auch nicht in München.
Ihr Trainer Christian Ilzer forderte „keine volle Hose“ in München. Ist das einfacher gesagt als getan?
Wir hatten früher schon mal nicht so schöne Momente, aber es ist wichtig, sich selbst treu zu bleiben. Wenn Druck da ist, musst du das akzeptieren, aber trotzdem auf dem Platz performen. In den letzten zehn Jahren hatte ich damit kein Problem. Ich bin topmotiviert, weiter Tore zu machen. Aber ich wäre natürlich glücklicher, wenn wir besser spielen würden.
Die Erinnerungen an ihr letztes Spiel gegen München sind immerhin bestens.
(lächelt) Das stimmt. Das letzte Spiel gegen München war natürlich ein besonderes in meiner Karriere. Ein Hattrick gegen so einen Gegner, davon kann man ja eigentlich nur träumen. Ich habe es geschafft, wir haben durch den Sieg in der Rückrunde die Europa League erreicht. Darauf bin ich stolz.
Sind Sie ein Bayern-Schreck?
Das würde ich nicht sagen. Wir brauchen alle Spieler auf dem Platz, gute Energie, ein Top-Spiel von allen, nicht nur von mir.
Die Bilanz aber spricht für Sie, denn Sie haben in 16 Duellen acht Mal gegen Bayern getroffen. Nur Cristiano Ronaldo und Marco Reus weisen eine bessere Quote auf.
Das wusste ich nicht. Aber dann schieße ich doch am besten noch zehn weitere Tore gegen Bayern und überhole die beiden (lacht).
Warum nicht? Aber ist mit Blick auf diese Woche vielleicht nicht sogar das Spiel gegen den direkten Abstiegskonkurrenten Kiel wichtiger als das in München?
Für mich ist immer das nächste Spiel das wichtigste. Aber in unserer Situation müssen wir auch den Tatsachen ins Auge blicken. Daraus, dass das Spiel in Kiel für uns ein Spiel mit enormer Bedeutung ist, müssen wir kein Geheimnis machen. Wir müssen schon sehen, wo wir aktuell stehen, wie wir spielen – und dass das gerade Abstiegskampf ist.
Sie kennen Abstiegskampf mit Hoffenheim. Wie steht es um die Psychologie – was macht der Kopf?
Ich habe kein Problem mit dem Kopf, in kann mit Druck umgehen. Ich habe das im Verein erlebt und auch viele große Spiele mit der Nationalmannschaft gespielt. In diesen Momenten gibst du noch mehr. Natürlich aber weiß ich, dass jeder mit Druck anders umgeht.
Können Sie den Mannschaftskollegen da mit Ihrer Erfahrung helfen?
Auf dem Platz hast Du zehn Mitspieler mit zehn verschiedenen Köpfen, wir sind alle unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Mentalitäten. Aber ich versuche es natürlich. Das allerdings hat nicht unbedingt etwas mit meiner Erfahrung oder meiner Rolle als Rekordspieler hier zu tun. Auch als Kind schon, als ich 15 Jahre alt war, wollte ich immer Verantwortung übernehmen in solchen Situationen. Und in diesen gilt: verstecken darf sich keiner – besonders auf dem Platz.
In München gibt es ähnlich erfahrene Spieler wie Sie in Hoffenheim – einen haben Sie immer hervorgehoben als eine Art Idol. Sind Sie der Thomas Müller von Hoffenheim?
Wir können das gerne so drehen (lacht). Er ist in gewisser Weise ein Vorbild, weil er Züge hat, die ich auch an mir sehe. Er ist nicht der schnellste Spieler, aber er sieht alles als ‚Raumdeuter‘. Was er macht, ist für mich etwas Besonderes. Wir beide können vielleicht nicht 37 km/h schnell laufen, aber wir sehen dafür manchmal etwas besser als andere.
Es könnte das vorletzte Spiel gegen Thomas Müller sein. Sichern Sie sich noch mal sein Trikot?
Nein. Ich habe eins von ihm – und ich brauche nur eins. Allerdings glaube ich auch nicht, dass er aufhört. Ich glaube, dass er bleibt und noch lange spielt.
Wie gut hätten Sie eigentlich im Bayern-Trikot performed?
Es gab die Situation, in der es hätte klappen können. Aber jetzt können wir darüber nur spekulieren. Bayern ist für mich der beste Verein in Deutschland, einer der besten der Welt. Ich bin stolz, dass ich gegen diesen Club so oft spielen darf – und dass der Club mich immerhin auch interessant fand.
Aber jetzt ärgern sie ihn lieber am Mittwoch nochmal, oder?
Was ich versprechen kann: dass ich alles versuche.
INTERVIEW: HANNA RAIF