Auf ihn sind plötzlich deutlich mehr Augen gerichtet: Deutschlands Rückraumschütze Renars Uscins. © Imago/Wolf
Gemeinsam zu einer Medaille: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft startet heute gegen Polen in die Weltmeisterschaft. © Instagram/DHB
Herning – Der Blick auf Deutschlands Handballer hat sich verändert. Beim versilberten Olympiaturnier vergangenen Sommer in Paris wurde die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason von so manchem Topgegner noch etwas unterschätzt. Das dürfte sich bei der Weltmeisterschaft in Dänemark, Norwegen und Kroatien, die für den DHB heute mit dem Auftakt gegen Polen (20.30 Uhr/ARD) beginnt, ändern. Deutschland zählt zu den Mitfavoriten auf eine Medaille – es wäre das erste Edelmetall seit dem WM-Coup von 2007.
„Wir wollen zeigen, dass es keine Eintagsfliege war“, sagte Renars Uscins über den französischen Sommer. Kapitän Johannes Golla frohlockte im deutschen Teamquartier in Silkeborg: „Das Kribbeln geht los. Man sieht, worum es geht, und ist das eine oder andere Prozent mehr bereit. Ein Auftaktsieg ist natürlich das Ziel.“
Der Olympia-Erfolg, das zeigen die Aussagen von Uscins und seinen Kollegen, hat das Selbstvertrauen des deutschen Teams immens steigen lassen. Zugleich wächst die Erwartungshaltung – intern wie extern. Auch Gislason glaubt, „dass bei der WM ein bisschen mehr Druck auf die Spieler und die Mannschaft zukommt“, schließlich werde erwartet, dass sein Team an die starken Auftritte bei den Sommerspielen mit Siegen gegen Top-Teams wie Frankreich, Schweden und Spanien anknüpft. „Und damit könnte der ein oder andere Spieler kurzfristig Probleme haben.“ Auch deshalb werde der Auftakt gegen Polen – jenes Team also, gegen das bei der bislang letzten WM-Medaille vor 18 Jahren beim Wintermärchen in eigenen Land der Goldtraum im Finale von Köln wahr wurde – ein echter Gradmesser. Für Gislason ist die Partie schon „wie ein Endspiel. Klar sind wir die stärkste Mannschaft in unserer Gruppe. Aber die Polen sind auch jung und spielen einen extrem schnellen Ball.“ Spielmacher Juri Knorr warnte: „Die Gruppe ist nicht so einfach, wie viele meinen.“
Johannes Golla meinte, man sei „gewarnt“ nach den holprigen Härtetests gegen Brasilien (28:26, 32:25). DHB-Manager Benjamin Chatton sieht das deutsche Team ebenfalls noch „nicht in der Form, die man braucht, um bei einer Weltmeisterschaft auch weit zu kommen“. Doch wie genau soll die überhaupt aussehen? Wenn die Vergangenheit eines gelehrt hat, dann dass sich ein Team im Laufe des Turniers zusammenfinden und steigern muss. 2007 lief keineswegs alles reibungslos. In der Vorrunde verlor man gegen Polen, in der Hauptrunde stand die Heiner-Brand-Truppe kurz vor dem Aus. Auch der Start beim EM-Sieg 2016 war mehr als holprig und bei den Olympia-Medaillen 2016 und 2024 setzte es jeweils Vorrunden-Dämpfer.
Auf dem Papier ist der DHB in den weiteren Partien gegen die Schweiz am Freitag (20.30 Uhr/ZDF) und Tschechien am Sonntag (18.00 Uhr/ARD) aber der klare Favorit. In der Hauptrunde könnte dann ein Duell mit Dänemark, der Übermannschaft der vergangenen Turniere, warten. Beim Co-Gastgeber sind zwar erstmals die zurückgetretenen Langzeit-Anführer Mikkel Hansen und Niklas Landin nicht mehr dabei, doch deren legitime Nachfolger Mathias Gidsel und Emil Nielsen stehen ihnen in nichts nach.
Der weitere Weg bis ins Viertelfinale in Oslo, wo auch die Medaillenspiele ausgetragen werden, scheint auch bei einer Dänen-Pleite vorgezeichnet. Man habe „sehr viel“ in der eigenen Hand, meint auch DHB-Sportvorstand Ingo Meckes: „Wenn wir unsere Aufgaben erfüllen, haben wir eine super Ausgangssituation für das gesamte Turnier.“
Favoriten auf die Medaillen sind für Gislason die üblichen Verdächtigen. „Nach wie vor ist Dänemark das Maß aller Dinge“, sagte der 65-Jährige. Dazu zählt der erfahrene Coach „nach wie vor“ Frankreich und EM-Bronzemedaillengewinner Schweden „zu den großen drei“. Dahinter kämen weitere Teams wie Co-Gastgeber Kroatien. Und natürlich Deutschland.
MM MIT SID