„Das Ganze ist schockierend“

von Redaktion

Turn-Präsident Alfons Hölzl über die Missbrauchsvorwürfe in seinem Verband

Alfons Hölzl – seit 2106 Präsident des Deutschen Turner-Bundes. © Imago/Thonfeld

Trat die Vorwurfs-Lawine los: Tabea Alt. © Soare/dpa

München/Stuttgart – Der Sport, den Alfons Hölzl vertritt, steht seit Wochen im Rampenlicht – aber der Anlass des Gesprächs mit Alfons Hölzl ist ein ernster. Zum ersten Mal seit Beginn der Welle an Missbrauchsvorwürfen im deutschen Frauen-Turnen bezieht der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB) Stellung. Die Betroffenheit merkt man dem 56-Jährigen im ausführlichen Interview immer wieder an.

Herr Hölzl, waren die vergangenen Wochen die für Sie härtesten als DTB-Präsident?

Die aktuelle Situation ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Es war und ist viel Arbeit. Und es sind besonders herausfordernde Zeiten.

Wie gehen Sie mit Krise um: schlaflose Nächte? Analytisch? Proaktiv?

Man muss sich bewusst machen, dass die Situation für die ehemaligen und aktiven Turnerinnen sehr belastend ist. Genau wie für Trainerinnen und Trainer, bundesweit, im Breiten- und im Leistungssport, und auch für den DTB insgesamt, das Präsidium, den Vorstand, die Mitarbeitenden. Das beschäftigt mich sehr. Ich denke viel darüber nach, was wir hätten anders machen müssen, was wir nun anders machen können, was die richtigen Schritte sind. Ich führe sehr, sehr viele Gespräche.

Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Wie viel Zeit geben Sie dem DTB?

Mir wird immer wieder gespiegelt, dass man sich schnelle Ergebnisse wünscht. Aber das Zentrale ist, dass der Prozess der Aufklärung und Aufarbeitung gewissenhaft ausgeführt wird. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, dass wir zunächst eine externe anwaltliche Untersuchung vornehmen, um anschließend mit einem unabhängigen Expertenrat in einen Aufarbeitungsprozess einzutreten. Wir müssen zügig arbeiten, das steht außer Frage. Aber wir müssen uns die Zeit dafür nehmen. Gründlichkeit steht vor Schnelligkeit. Man wird immer wieder nachjustieren und evaluieren – und dann Konsequenzen ziehen.

Turnen hat es bis in die Tagesschau „geschafft“. Erhöht das mediale Aufsehen den Druck?

Der Handlungsdruck ergibt sich für uns nicht durch Berichterstattung. Wir haben ja bereits 2021 einen Kultur- und Strukturwandel angestoßen, weil wir den Menschen in den Mittelpunkt des leistungssportlichen Handelns stellen wollen. An erster Stelle steht die Menschenwürde, die einen absolut gewaltfreien Sport bedingt. Die Berichterstattung, die Äußerungen der Athletinnen sind aber der Anlass, uns nochmal selbstkritisch zu hinterfragen. Die Veränderungen dürfen nicht nur auf dem Papier stehen. Sie müssen in der Turnhalle ankommen.

Der Wandel 2021 stand unter dem Titel „Leistung mit Respekt“, 2024 wurde zudem den „Save Sport Code“ verabschiedet. Die Inhalte reichen offenbar nicht aus.

Ein Wandel braucht Zeit – das kann man auch begründen. Denn er besteht aus verschiedenen Baustellen und muss flächendeckend im Trainingsalltag umgesetzt werden. Wir haben ein Trainerleitbild erstellt, Verhaltensregeln verabschiedet, Elternvertretungen gegründet. Wir haben einen Athletenvertreter im Präsidium, um auch diese Perspektive unmittelbar zu hören. Es wurde viel getan. Aber ich persönlich habe gehofft, dass wir schon weiter sind. Und ich sage ganz bewusst: Wir müssen jetzt weiter Fahrt aufnehmen und wo notwendig nachsteuern!

Der Fall Stuttgart steht aktuell offiziell als Einzelfall dar, hat aber eine große Welle ausgelöst. Ist das Problem ein standortbezogenes oder ein strukturelles?

Wir dürfen nicht betriebsblind sein oder Scheuklappen aufsetzen. Die aktuellen Meldungen fokussieren sich auf Stuttgart, aber es werden stützpunktübergreifende Themen angesprochen. Wie tief das Problem gelagert ist, muss sich in der Untersuchung herausstellen. Danach hoffe ich auf Lösungsvorschläge vom Expertenrat.

Ist ein Vergleich zum Fall Chemnitz zu ziehen?

Wir können darauf aufbauen. Der Fall Chemnitz war Anlass für uns, den Prozess „Leistung mit Respekt“ in Gang zu setzen. Wir haben sieben Arbeitsgruppen mit Detailfragen beauftragt. Ein Beispiel: Können wir Trainern, die sich Verstöße leisten, die Lizenz entziehen? Die Ergebnisse aus Chemnitz sind für uns ein richtiges Pfund, sehr wertvoll.

Mit der Aufarbeitung wurde die Kanzlei Rettenmaier in Frankfurt beauftragt, sie hat auch den Fall Chemnitz untersucht. Danach gab es allerdings auch kritische Stimmen.

Wir haben die Kanzlei Rettenmaier mit der Untersuchung beauftragt, weil sie eine große Expertise im sportrechtlichen Bereich hat und auch schnell beginnen kann. Wir müssen uns die Zeit nehmen, die wir brauchen. Trotzdem wollen wir zügig arbeiten und nicht zusätzliche Verzögerungen reinbringen. Die Kanzlei steht in den Startlöchern. Ich bin davon überzeugt, dass das der richtige Schritt ist. Auch weil auf die Erfahrungen aus Chemnitz zurückgegriffen werden kann, sie sind eine wichtige Grundlage. Was nicht heißt, dass die Einbindung der Wissenschaft in Form eines universitären Forschungsprojekts zu einem späteren Zeitpunkt ausgeschlossen ist.

Die Vorwürfe sind enorm. Es geht, um Essstörungen, um körperliche und seelische Schmerzen, die ignoriert wurden. Was macht das mit Ihnen als Mensch, wenn Sie mit den Betroffenen sprechen?

Es macht mich betroffen, es macht uns alle betroffen. Mit unserem Verständnis von Spitzensport hat das nichts gemein. Und es ist absolut legitim und wichtig, dass die Athletinnen sich Gehör verschaffen. Sie tragen dazu bei, dass wir ein umfassenderes Bild erhalten.

Wie genau ist Ihr Verständnis von gesundem Spitzensport?

Für uns ist klar: Bei Abwägungsentscheidungen zwischen Erfolg und Wohl des Athleten, muss immer das Wohl des Athleten gewinnen. Möglicherweise haben auch im Verband noch nicht alle realisiert, was die Prämisse ist. Trotzdem bin ich zutiefst davon überzeugt, dass es diesen Weg gibt. Es geht auch in unserem Sport – trotz jungen Alters, hohen Trainingsumfangs und Anfälligkeit für psychische Drucksituationen – ohne starken Drill! Es geht mit Respekt! Es geht auf Augenhöhe! Auf allen Ebenen muss ankommen, dass nur Sport, der auf ethisch sauberer Grundlage basiert, für uns auch wertvoll ist.

Diverse Betroffene sprechen davon, die Missstände benannt zu haben – vermissen aber Konsequenzen. Was entgegnen Sie?

Die Beschwerden sind nicht ohne Reaktion geblieben. Im Fall Stuttgart haben wir schon im Oktober des vergangenen Jahres ein Verfahren eingeleitet, Beteiligte befragt, die betroffenen Trainer mit den Vorwürfen konfrontiert und intern Maßnahmen eingeleitet. Für manche ist es schwierig zu verstehen, dass wir aus rechtlichen Gründen nicht alles öffentlich darlegen können. Dadurch entsteht bei einigen der Eindruck, dass die Vorwürfe nicht ernst genommen werden. Auch kommunikativ müssen wir überlegen, wo Verbesserungspotenzial ist. Für uns ist das Ganze schockierend, das sage ich ganz offen.

Kommunizieren Sie intern transparent mit den Betroffenen?

Ein konkretes Beispiel: 2021 habe auch ich den besagten Brief erhalten, den Tabea Alt an ihre Trainer geschrieben hat – und ich habe auch geantwortet. Die Wahrnehmung der Turnerinnen müssen wir ernst nehmen. Genau wie den Weg über die Öffentlichkeit, den ich in keiner Weise kritisieren will. Wir begrüßen ausdrücklich jede Wortmeldung, weil wir so ein umfassendes Bild erhalten. Wir möchten das Thema ja lösen und nicht wegschauen.

Nach außen entsteht im Moment das Bild: Wir, die Athletinnen, gegen die, der Verband.

Und das ist nicht zielführend. Eine Verbesserung kann nur in einem Miteinander gelingen, deshalb bieten wir auch allen Betroffenen an, mitzuarbeiten. Kim Bui beispielsweise war im Prozess „Leistung mit Respekt“ Mitglied der Steuerungsgruppe, hat unmittelbar Einfluss genommen. Bei allem Groll muss man sich verdeutlichen, für was wir diese Aufgabe meistern wollen: fürs Turnen! Für unseren Sport! Wir sind doch kein Selbstzweck!

Es fallen Sätze wie „das System hat sich selbst gedeckt“.

Das kann ich so nicht feststellen. Aber wenn die Untersuchung das ergibt, würden wir den konkreten Fällen nachgehen und Konsequenzen ziehen, auch personeller Natur. 2021 hat gezeigt, dass wir eine klare Linie vertreten und auch bereit sind zu handeln. Das gilt auch hier.

Wird der Verband auch beim Heilen der seelischen Wunden helfen?

Soweit wir das können: natürlich. In Form von direkten Gesprächen, aber auch beim Thema psychologischer Hilfestellung. Dem sollten wir uns auch stellen.

Wie ist das Feedback der Aktiven? In Eli Seitz und Helen Kevric turnen immerhin die beiden besten deutschen Turnerinnen in Stuttgart.

Die beiden können uns helfen, denn sie kennen den Standort gut. Wir haben das Interesse, die problematische Situation möglichst schnell in ein positives Miteinander umzukehren. Wenn wir das Herz an der rechten Stelle haben, wenn es uns wirklich ums Turnen geht, muss es auch um Nachhaltigkeit gehen. Wir müssen an den Punkt kommen, der Wiederholungsfälle ausschließt. Wir müssen es ermöglichen, diesen wunderbaren Sport mit Glücksgefühlen zu praktizieren. Es läuft mit zuwider, es tut mir weh, dass das im Moment nicht immer der Fall ist.


INTERVIEW: HANNA RAIF

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