Der ruhende Pol an der Bande: Don Jackson (mit Assistent Ben Smith). © Red Bull/City-Press
München – Erster der DEL-Hauptrunde wird der EHC Red Bull München nicht mehr. Der ERC Ingolstadt ist 22 Punkte voraus, das kann man bei zwölf Spielen, die noch verbleiben, nicht mehr aufholen. Auch der zweite Rang ist praktisch außer Reichweite, die Eisbären Berlin haben 13 Zähler mehr und machen nicht den Eindruck, dass sie in den kommenden Wochen fundamental einbrechen werden. Aber zwischen drei und sechs ist das Feld enger zusammengerückt, und selbst wenn die Münchner Tordifferenz von lediglich plus acht andeutet, wie schwergängig die Saison bisher verlaufen ist, so hat sich die Selbstwahrnehmung des EHC binnen einer Woche wesentlich verändert. Wenn die Spieler von der Möglichkeit sprechen, die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen, klingt das nicht nur nach Marketingvorgabe aus dem österreichischen Firmensitz, sondern auch wieder mehr nach Überzeugung. „Jeder glaubt daran“, sagt Abwehr-Oldie Jonathon Blum. Dass Don Jackson wieder da ist, hat bei der Mannschaft etwas ausgelöst.
Blum, der am Donnerstag 36 wird, ist ein nordamerikanischer Eishockeyspieler, wie es in der DEL viele gibt. Sehr konservativ, mit einem starken Glauben an Leadership und Hierarchien, mit einem Faible für Stärke und Sieg. Er nennt Don Jackson den „winningest coach“, also den Trainer mit der höchsten Erfolgsreputation. Das ist Blums US-amerikanischer Landsmann ohne Zweifel in Deutschland mit seinen neun DEL-Titeln, fünf mit den Eisbären Berlin und vier mit dem EHC München. 2023 verabschiedete Jackson sich mit der letzten Meisterschaft in den Ruhestand. Dass er dies selbstbestimmt tat und nicht auf Druck von oben, festigte seine Aura. Und da er in veränderter Funktion – als Chef der Trainerausbildung – in der Organisation verblieb, war der Gedanke, wie die Mannschaft unter ihm spielen würde, immer präsent. Er wirkte mit mittlerweile 68 ja auch nicht älter als damals mit 66, als er das Ende seiner Karriere als Coach bekanntgab.
„Don bringt diese Siegereinstellung in die Mannschaft, mit ihm im Rücken weiß jeder, was zu tun ist, es gibt keine Egos, wir funktionieren als Einheit. Dass er wieder da ist, ist ein ,Big Deal‘ für uns“, erklärt Jonathon Blum. Aus seinem Lob lässt sich schließen, dass die Mannschaft in der Zeit ohne Jackson ein Defizit in der Führung wahrnahm. Toni Söderholm, der mit einigen noch gespielt hatte (Abeltshauser, Kastner, Andi Eder), scheiterte daran, das Team von seinem Weg zu überzeugen. Er hatte nach einem guten Start als Bundestrainer schwächere eineinhalb Jahre, ehe er den EHC übernahm: ein missglücktes Olympiaturnier 2022, eine durchschnittliche WM 2022, der überraschende Wechsel zum SC Bern, bei dem er wirkungslos blieb. In den Augen der Spieler hatte er nicht die fachliche Klasse von Jackson, zudem gab es Reibereien auf persönlicher Ebene. Max Kaltenhauser wurde vom Team durchaus gemocht, aber klar: Mit 43 und erstmals auf einer DEL-Stelle war er unerfahren. Über seinem Kopf schlugen dann die Probleme im persönlichen Bereich und die sportlichen zusammen – er konnte nicht der Trainer sein, an dessen Schulter sich eine verstörte Mannschaft anlehnt.
„Es ging drunter und drüber bei uns in diesem Jahr“, sagt Yasin Ehliz, gesehen habe man das daran, so der Stürmer, „dass wir nicht konstant durchspielen.“ Jetzt jedoch: „Don nimmt uns ordentlich Druck weg. Er analysiert alles in Ruhe, er hat diese Ausstrahlung.“ Und Coach und Team hatten gleich die Gelegenheit, viel Zeit miteinander zu verbringen: Sie befinden sich inmitten eines „Road Trip“, einer Strecke von drei Auswärtsspielen. Fünf Punkte haben die Münchner eingefahren (3:2 n.P. in Berlin, 4:1 in Wolfsburg), heute treten sie bei den Kölner Haien an, die nur einen Zähler hinter ihnen liegen. Normal verliert auch der „winningest coach“ Don Jackson eines von drei Spielen. Es ist sein drittes. Eine wegweisende Konstellation.
GÜNTER KLEIN