„Ich bin ein Tier“

von Redaktion

Münchnerin Flörsch über ihr USA-Abenteuer und Frauen in der Formel 1

Flörsch hatte 2018 in Macau einen schweren Unfall und musste abtransportiert werden. © vcg/imago

Fit wie ein Formel-1-Pilot: Sophia Flörsch. © Instagram

Neues Abenteuer: Flörschs unmittelbare Zukunft im Motorsport liegt in den USA in Indy-NXT-Serie. © Jeff Walrich (2)

Den Formel-1-Traum gibt die Münchnerin nicht auf

Sie ist Deutschlands schnellste Rennfahrerin: Sophia Flörsch, die nun in die amerikanische Indy-Serie wechselt. Im Interview rechnet die Grünwalderin mit der Formel 1 ab, freut sich auf Burger und Pommes und knöpft sich – natürlich – die Männerwelt vor.

Frau Flörsch, Sie verlassen die Formel 3, wechseln nun in die amerikanische Indy-NXT-Serie, das ist die höchste Nachwuchsserie unterhalb der IndyCar-Reihe. Warum?

Mein Ziel war es, 2025 in die Formel 2 aufzusteigen. Fahrtechnisch als auch konditionsmäßig wäre das kein Problem gewesen. Bei den Tests waren meine Zeiten sehr wettbewerbsfähig! Es mangelte jedoch an Geld, also am Budget und Finanzierung.

Wenn Sie doch aber sagen, dass Sie wettbewerbsfähig waren…

…ist das noch kein Grund, in einem Rennwagen sitzen zu können. Es ist ein Irrglaube, dass Teams nach Können scouten. Das einzige Kriterium für ein Cockpit ist Geld. Jeder Rennfahrer und jede Rennfahrerin muss ein Cockpit bei einem Rennstall mieten. So wie Sie bei Sixt (grinst). Ich zahle also dafür, dass ich fahren darf. In der Regel zahlen dies zu 99 Prozent die Eltern der Nachwuchsfahrer. Ich kann diese Millionenbeträge aber nicht zahlen. Ich habe sie einfach nicht.

Wie viel Geld muss eine Familie ausgeben, um ihrem reichen Söhnchen eine Karriere im Rennsport-Zirkus zu spendieren?

Wenn ich alles reinrechne, also von der Karriere auf der Kartbahn bis in die Formel 1, dann werden es schon so 15 bis 20 Millionen Euro sein. Zu meinen Zeiten. Es ist 20 Jahre her, als ich begonnen habe. Beginnt man heute, sind eher 20 bis 30 Millionen Euro. Soll ich Ihnen mal etwas sagen?

Bitte!

Dem Frauenförderprogramm „Rac(H)er“ wurden die finanziellen Mittel gestrichen. Der Formel-1-Zirkus hat kein Interesse an einer Frau in der Formel 2. Man schützt die F1-eigene pinkweisse F1 Academy. Sie bedient das Gendermarketing. Keine Siegerin hatte danach je Erfolg. Die F1 Academy ist sportlich ohne Wert. Deshalb war mir klar, dass die USA eine sehr interessante Alternative sein können.

Was ist der Unterschied zwischen der Formel 1 und der Indy-Serie?

Die Indy NXT ist der direkte Unterbau der IndyCar. Die Indy NXT ist schneller und deutlich anstrengender als die Formel 2. Am Morgen nach meinem ersten Testtag wusste ich nicht, wie ich meine Kaffeetasse halten sollte. Deswegen mache ich seit Monaten kaum noch Ausdauer, sondern trainiere nur noch Kraft, Kraft und Kraft.

Sie sehen richtig fit aus.

Ich bin ein Tier. Don’t mess with Sophia! (lacht)

In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Sie weiter mit Vorbehalten im männlich dominierten Motorsport zu kämpfen haben. Wirklich immer noch?

Motorsport ist ohnehin Ausnahme-Sport! Denn in fast allen Sportarten treten Männer und Frauen getrennt an. Zwischen einer Frau und einem Mann ist es in Sachen Kraft, Koordination und Reaktionsschnelligkeit doch völlig egal, welches Geschlecht im Auto sitzt. Die Leistung bringt das Auto, der Mensch steuert es. Mag sein, dass Frauen im Alltag weniger Fahrpraxis haben. Im Rennsport sollte es eben die gleichen Voraussetzungen in der Ausbildung, Training und Wettkampf geben.

Sie geben sich ganz schön kampfeslustig.

Sie wissen schon, dass laut Militär-Studien Frauen grausamer foltern als Männer, mehr Schmerzen ertragen als Männer. Gerne eine sachlich fundierte Diskussion.

Halten Sie die brutalen Fliehkräfte von bis zu 5G aus?

Austrainiert ist das einfach zu schaffen. Frauen fliegen schließlich auch Kampfjets mit Bomben an Bord und es treten deutlich mehr G-Kräfte als im Motorsport auf. Hohe G-Kräfte scheinen also kein Problem für Frauen.

Könnte ich das auch schaffen?

(lacht) Sie sehen zwar sportlich aus. Trotzdem vermute ich: No way! Die Formel 1 ist nur mit einer Top-Fitness zu schaffen. Ein, zwei Mal joggen reicht da in der Woche nicht aus. Es sind wirklich spezielle Muskelgruppen zu trainieren. Ich bin jeden Tag am Schwitzen, pushe mich wie eine Verrückte. Und: Nehmen Sie nur Yuki Tsunoda, den Rennfahrer von Red Bull. Yuki ist 1,59 Meter groß, 61 Kilo leicht. Mit ihm kann ich mithalten.

Auch mit den anderen?

Ehrlich gesagt scheint mir auch ein Max Verstappen nicht so sonderlich austrainiert zu sein. Schnell ist er. No doubt! Aber austrainiert?

Wie kommen Sie nun in die Formel 1?

Wenn Stefano Domenicali, der CEO der Formel 1, anruft. Oder ein Formel-1-Team den Mut hat.

Hat Domenicali die Macht und die Mittel?

Natürlich. Domenicali ist der Zirkusdirektor, er hält die Fäden in der Hand. Wann immer er möchte, kann er eine Frau ins Cockpit bringen – oder es verhindern. Ich frage mich: Warum kauen wir immer und immer wieder das gleiche Thema durch? Jeder Mensch auf dieser Welt will doch nur gleichbehandelt werden. Wo ist das Problem? Letztendlich möchte ich die gleichen Chancen haben wie ein Mann. Ich will nicht bessergestellt werden, aber auch nicht schlechter. Mein Appell: „Lasst uns doch bitte endlich modern werden, die Inklusion auf der großen Bühne des internationalen Sports vorleben.“ Die moderne Welt wünscht sich sehnlichst eine Frau in der Formel 1. Es ist kein Hexenwerk.

Auf die Frage, ob Sie nicht die feministische Ikone sein wollen, haben Sie geantwortet: „Du kannst lange blonde Haare haben, mit Barbies spielen und trotzdem Kartfahren. Mein Held war Michael Schumacher.“ Und heute?

Heute wünsche ich mir immer noch eine Kooperation mit Barbie. Mir gefällt, dass Barbie den Mädchen zeigt, dass es Ärztinnen und Architektinnen gibt. Mädchen und Frauen können diese Berufe erlernen. Ganz nach dem Motto: „Du kannst es schaffen, wenn Du es willst.“ So bin ich aufgewachsen. Für dieses Glück bin ich sehr dankbar und wünsche es von Herzen allen Menschen. Allerdings gebe ich zu, dass es als Mädel schon ein echt gutes Gefühl ist, denn Jungs so dermaßen um die Ohren zu fahren. Dafür lebe ich.

Und was wollen Sie?

Spätestens wenn ich in der Formel 1 bin – und damit die erste Frau überhaupt – eine eigene Barbie-Puppe. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder? (grinst)


INTERVIEW:

ANDREAS HASLAUER

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