Hyeon-jeong Oh wird den 23. Juli 2023 noch nicht vergessen haben. In Auckland war die südkoreanische Schiedsrichterin mit der Spielleitung des WM-Vorrundenspiels der Frauen aus Spanien und Sambia betraut worden – aber die Hauptrolle am Mikrofon war ihr dann doch zu viel. Über die Lautsprecher des „Eden Parks“ bekamen die 20 983 Zuschauer nach einer strittigen Szene inklusive VAR-Eingriff folgenden Satz aus Ohs Mund auf die Ohren: „Nach der Überprüfung: Kein Tor! Kein Abseits!“ Fragende Blicke: Ja, was denn dann?!
Wo Menschen am Werk sind, können (und dürfen) Fehler passieren. Hyeon-jeong Oh korrigierte ihren („Oh, no no no! Kein Abseits! Endgültige Entscheidung: Tor, Tor!“), aber das Beispiel der nervösen Unparteiischen ist einer der Gründe, aus denen einige deutsche Referees der Live-Erklärung am Stadionmikrofon skeptisch gegenüberstehen. Technische Ausfälle, Versprecher, ein Shitstorm: Natürlich begleiten viele Eventualitäten den Testlauf, der ab dem 20. Spieltag – also dem kommenden Wochenende – in der Bundesliga startet. Und trotzdem ist das drücken des „Push to Talk“-Buttons am Headset der Schiedsrichter genau der richtige Schritt auf dem Weg zu mehr Transparenz rund um den generell skeptisch gesehenen „Kölner Keller“.
Auf der Tribüne der Leipziger Arena etwa wurde eine VAR-Entscheidung am vergangenen Wochenende von 46 793 Fragezeichen begleitet. Die Stollen von Florian Wirtz auf der Wade von David Raum waren für Referee Bastian Dankert trotz VAR-Studium nicht Grund genug, ein Leverkusener Tor zurückzunehmen. Warum? Hätte die neue Regel schon gegriffen, hätte Dankert live Aufklärung leisten können. Es hätte Pfiffe gegeben – aber immerhin hätten auch diejenigen, die auf den Rängen keine Zeitlupen aus x Perspektiven zur Verfügung haben, Klarheit gehabt. Geschadet hätte das mit Sicherheit nicht.
Dass niemals alle zufriedenzustellen sind, weiß man aus den vergangenen sieben Spielzeiten mit VAR. Sich im Sinne der Technik aber weiterzuentwickeln, um Fehlerquellen zu minimieren und den Prozess so durchsichtig wie möglich zu gestalten, kann man nur gutheißen. Einen Versuch ist es also allemal wert! Allerdings verbunden mit zwei Appellen: an die DFL, überall die gleichen technischen Voraussetzungen zu ermöglichen. Und an die Kurven, eine Atmosphäre zu schaffen, in der kein Schiedsrichter Angst haben muss, seine Stimme zu erheben.