Gilt als Defensivspezialist: Anthony Davis © Tilton/AFP
Nico Harrison verhandelte im Geheimen den Deal mit Los Angeles. © IMAGO/Becker
Luka Doncic führte Dallas im Sommer noch in die NBA-Finals © Shaw/AFP
Dallas/Los Angeles – Vor dieser riesigen Arena in Dallas stehen Statuen von Dirk Nowitzki und Mike Modano, der Eishockey-Legende. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte auch Luka Doncic seine Skulptur bekommen. Denn im amerikanischen Sportkult gewinnen Superstars nicht nur Spiele, sondern auch Herzen. Und niemanden liebte diese Stadt in Texas so innig wie Luka Doncic. Die Menschen haben dieses slowenische Basketball-Genie nach Nowitzki als zweiten Sohn aus Europa adoptiert. Seit Sonntagnacht ist Dallas die Stadt der gebrochenen Herzen. Die Mavericks haben Doncic abgegeben und weitergereicht nach Los Angeles. In einem Tauschgeschäft, wie es in der NBA Alltag ist.
Aber dieser Handel ist der außergewöhnlichste und schockierendste in der 77-jährigen Historie dieser Liga. Manch einer vergleicht den Tausch mit dem Abend, als Buster Douglas in Tokio Mike Tyson K.o. schlug. Ein Moment des viszeralen Schocks. Das Geschäft mutet dermaßen irre an, dass in den Schattenwelten des Internets bereits die Verschwörungs-Mythen erwachsen. Die neue Besitzerfamilie Adelson, Casinobetreiber und Großsponsoren von Donald Trump, soll den Herzensbruch mehr oder weniger bewusst eingefädelt haben, um den ganzen Klub schön langsam Richtung Las Vegas zu transferieren. Am Tag nach der Eruption aber setzt sich eine andere Lesart durch. Als Halunken haben die Fans der Mavs Manager Nico Harrison identifiziert.
Nach allem, was man bisher weiß, ist er zum Großteil hauptverantwortlich für den Teufels-Deal. Sportlich, so argumentiert der Mann, erhöht das Geschäft die Chancen auf eine kurzfristige Meisterschaft der Mavericks. Im Austausch für den 25-Jährigen Doncic, der das Verteidigen eher als lästige Fleißarbeit betrachtet, fliegt mit Anthony Davis ein defensiver Gigant ein. Was Nico Harrison gerade anstellt, nennt man am Aktienmarkt „Shorten“. Also ein kurzfristige Wette darauf, dass Kurse fallen. Und die Sache mit Doncic und Davis ist der ultimative „Short“. Mit dem überalterten Stamm aus Anthony Davis (31 Jahre), Kyrie Irving (32) und Klay Thompson (34) bleibt Dallas realistisch betrachtet höchstens noch ein Jahr im Titelrennen. Genauso wettet der Manager gegen Doncic’ Gesundheit und Habitus. Es ist kein Geheimnis, dass der slowenische Lebemann Ernährung und Fitness schleifen lässt, anfällig für Verletzungen geworden ist und Ausreden für Niederlagen gerne bei anderen sucht. Im Klub, heißt es, beklagen einige die negative Aura.
Trotzdem sind sich eigentlich alle außerhalb des Managerbüros einig: Rational lässt sich der Handel nicht begründen. Persönliche Aversion hin und her – nie und nimmer gibt man einen Basketballer seiner Größe auf der Höhe seiner Schaffenskraft für so erschreckend wenig Gegenwert ab. Vorige Saison erst hatte der Aufbauspieler Dallas ins Finale geführt. Auf dem Weg dorthin war die Verteidigung übrigens noch kein existenzielles Problem gewesen. Alle Fährten führen also zurück zu Manager Nico Harrison. Der hatte schon zu Zeiten als Nike-Funktionär einen Lapsus zu verantworten, als sein Team bei Vertragsverhandlungen mit Superstar Steph Curry den falschen Namen und ein falsches Bild verwendeten – und Curry daraufhin bei der Konkurrenz unterschrieb. Aus der Zeit beim Sportartikel-Hersteller rührt übrigens auch die gute Verbindung zu Anthony Davis und Los-Angeles-Manager Rob Pelinka, die den Deal im Geheimen auskarteten. Nicht einmal die Spieler und ihre Agenten wussten Bescheid. Egal ob’s nun Inkompetenz, Vetternwirtschaft oder eine Vendetta gegen Doncic war: Nico Harrison ist seit Sonntag der Staatsfeind Nummer eins in Dallas.
ANDREAS MAYR