In der Ohel-Jakob-Synagoge wurde der Schabbat-Gottesdienst gefeiert. © FC Bayern
Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch.
Herbert Hainer (li.) und Charlotte Knobloch (re.) betonten in ihren Reden, wie wichtig das Erinnern an den Holocaust bleibt. © FC Bayern
Im „Gang der Erinnerung“ stehen die Namen der 4500 Münchner Juden an der Wand, die im Dritten Reich ermordet wurden. © FC Bayern
München – Für einen kurzen Lacher sorgt Charlotte Knobloch dann doch, bevor sie ihre eigentlich so ernste Rede fortsetzt: Auf ein 6:0 gegen Slovan Bratislava habe sie gewettet. Dass ihr FC Bayern, den sie an diesem Champions-League-Abend vor einer Woche live im Stadion verfolgte, schlussendlich mit 3:1 gewann, sei für sie aber auch gerade so in Ordnung gewesen.
Von diesem Schwenk ins Private führt die 92-Jährige ins Politische, denn das ist ihr Auftrag als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, die an diesem Freitagnachmittag den FC Bayern empfängt. Es geht gegen das Vergessen, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, stattdessen um ein gemeinsames Zelebrieren von Freiheit und Vielfalt. Dafür bringt der Club, vier Tage nachdem sich der Befreiungstag von Auschwitz zum 80. Mal jährte und während parallel im Bundestag erstmals ein Gesetz mit Stimmen der AfD durchgesetzt werden soll, 50 ausgeloste Mitglieder für ein Gedenkwochenende mit der jüdischen Gemeinde zusammen, 365 hatten sich dafür beworben. Auch der israelische Torwart Daniel Peretz ist gekommen, sie alle sollen an einer Führung durch die Ohel-Jakob-Synagoge teilnehmen, gemeinsam einen Schabbat-Gottesdienst feiern und sich schließlich – so banal das klingt – kennenlernen.
Gemeinsames Jubeln als Vorbild
Davor gibt es aber eben die Reden der beiden Präsidenten. Knobloch, die mit ihrem Hund Ruben zur Gemeinde und den Fans spricht, habe beim Jubeln auf der Tribüne gemerkt, wie egal Menschen die Religion, Hautfarbe oder Sexualität sei, wenn sie sich als Gemeinschaft betrachten. Und entsprechend wichtig sei es auch über dieses Gedenkwochenende hinaus, sich gemeinsam für die Demokratie einzusetzen. Man mag diesen Übergang vom Fußball zum Appell pathetisch finden, er wird aber dem Motto gerecht, nicht nur an die schrecklichen Verbrechen des Holocaust zu erinnern, sondern auch die richtigen Schlüsse für die Gegenwart abzuleiten.
„Nie wieder ist jetzt“ bedeutet eben, zu jeder Zeit die Demokratie vor ihren Feinden zu schützen – und dazu positioniert sich der FC Bayern auf verschiedensten Wegen sehr deutlich. Herbert Hainer spricht den Namen der AfD zwar nicht aus, warnt aber davor, bei der anstehenden Bundestagswahl eine Partei zu wählen, „die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird, gegen Migranten hetzt und die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik infrage stellt.“ Auf den Socken des FCB-Geschäftsführers Benny Folkmann ist dagegen der Slogan „LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FUCK AFD“ zu lesen, beide betonen in Gesprächen rund um die Veranstaltung, wie wichtig ihnen das politische Engagement des FC Bayern ist.
Nach einem Zeitzeugengespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Abba Naor auf dem Campus ist die Zusammenarbeit zwischen Verein und der IKG vor drei Jahren entstanden, die Initiative „Rot gegen Rassismus“ kümmert sich seitdem um die Vermittlung. Und weil viele Aspekte des Judentums weiterhin kaum bekannt oder falsch in den Köpfen der Menschen verankert sind, gebe es an diesem Wochenende keine dummen Fragen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede sollen festgestellt und überwunden werden, „Learning by Meeting“ sozusagen, dazu gehören erheiternde Begleiterscheinungen.
Rabbiner Shmuel Aharon Brodman ruft in seinem Gottesdienst zu mehr Lockerheit auf, in einer Synagoge könne jeder durcheinander reden und singen. Der Kantor Chaim Stern, der eigens für solche Anlässe hauptberuflich um die Welt reist, singt Lieder im Rhythmus von „Con te partirò“ oder „Hallelujah“ vor – er könnte ebenso auf den größten Opernbühnen beheimatet sein. Und beim gemeinsamen Essen sitzen sich der Geschäftsführer der Allianz Arena Jürgen Muth und ein Vertreter der Schickeria gegenüber. Zum Thema Pyrotechnik würden sie wohl keinen gemeinsamen Nenner finden.
Am Sonntag folgte eine Stadtführung, bei der die Rolle des FC Bayern während des Nationalsozialismus kritisch aufgearbeitet wurde. Ein viertes Erinnerungswochenende ist schon fürs nächste Jahr geplant.
VINZENT TSCHIRPKE