Skifahrer durch und durch: Die Familie um Traudl Hächer-Gavett, Sohn Tim und Dave Gavett verbringt noch immer viel Zeit auf der Skipiste. © Privat
Stolz präsentierte Traudl Hächer-Gavett damals ihre Bronzemedaille im Riesenslalom bei der Ski-WM in Saalbach.
Eine Medaille in Saalbach trotz Formkrise. © IMAGO
Schleching/Vermont – Das deutsche Ski-Team ist bei der WM in Saalbach-Hinterglemm vor der heutigen Team-Kombination der Frauen noch ohne Medaille. 1991, der bei der letzten WM dort, war es genauso – bis Traudl Hächer-Gavett überraschend Bronze im Riesenslalom holte. Es sollte die einzige DSV-Medaille bleiben und für sie die Krönung einer von Verletzungen und Rückschlägen geprägten Karriere. Im Jahr darauf hörte Hächer-Gavett nach 16 Jahren auf und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Ein Gespräch über ihren Erfolg in Saalbach, das Leben im Ruhestand und die Liebe zum Skisport.
Frau Hächer-Gavett, bei der Ski-WM 1991 in Saalbach wollten Sie zunächst nicht für das deutsche Team antreten. Wieso?
Ja, im letzten Rennen vor der Weltmeisterschaft verpasste ich die Qualifikation für den zweiten Durchgang. Meine Leistung entsprach nicht meinen Erwartungen, und ich wollte mich in Saalbach nicht zum Kasperl machen. Ich war damals 28 Jahre alt und fand, dass eine der jungen Fahrerinnen den Platz eher verdient hätte. Vor allem hatte ich Angst, mich zu blamieren. Doch meine Trainer wollten das nicht akzeptieren und haben alles versucht, mich zu überzeugen, trotzdem anzutreten.
Sie haben sich dann schließlich doch entschieden, an den Start zu gehen.
Ich hatte ja eigentlich nichts zu verlieren. Wir haben dann kurz darauf mit dem Training in Garmisch-Patenkirchen begonnen. Mein Mann, Dave Gavett (Anm. d. Red.), der selbst jahrelang US-Abfahrtstrainer war, hat mit mir damals eine Kleinigkeit an meinem Fahrstil verändert und plötzlich war ich eine Sekunde schneller. Da habe ich mir gedacht, dass das vielleicht ja doch was werden könnte.
1990 haben Sie Dave Gavett geheiratet. Welchen Einfluss hatte er auf Ihre Karriere?
Wir haben uns 1987 kennen gelernt, als er Abfahrtstrainer von Tamara McKinney war. Ich habe ihm viel zu verdanken, denn er hatte großen Anteil an meiner Bronzemedaille in Saalbach. Im Laufe der Jahre hat er das deutsche Team immer wieder unterstützt und war mit seiner Erfahrung immer gern gesehen.
Das deutsche Team, zu dem damals auch die Top-Fahrer Markus Wasmeier und Armin Bittner gehörten, konnte bei der Weltmeisterschaft 1991 die erhofften Medaillen-Träume nicht erfüllen. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Vor dem Rennen hatten wir eine Pressekonferenz, bei der das deutsche Team ziemlich zur Sau gemacht wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle Favoriten gescheitert, und wir hatten noch keine einzige Medaille gewonnen. Irgendwann konnte ich das Geschimpfe nicht mehr ertragen und habe einfach gesagt: „Dann hol’ halt ich die Medaille.“
Gesagt, getan. Sie haben schließlich die einzige deutsche Bronzemedaille gewonnen. Was hat Ihnen dieser Erfolg bedeutet?
Das war für mich etwas ganz Besonderes. Es hat mich geärgert, dass immer wieder behauptet wurde, ich hätte in meiner Karriere nie wirklich etwas zerrissen. Meine vielen Verletzungen haben mich fast fünf Jahre meiner Karriere gekostet, und es gab viele Momente, in denen ich ans Aufhören dachte. Doch ich wusste immer, dass ich es kann. Und das war der Moment, in dem ich es endlich zeigen konnte.
Sie haben im Jahr darauf Ihre Karriere beendet. Hat dieser Erfolg den Abschied leichter gemacht?
Definitiv. Den Gedanken hatte ich schon länger, wollte aber zunächst noch an den Olympischen Winterspielen in Frankreich teilnehmen. Danach war jedoch klar, dass für mich Schluss ist. Nach 16 Jahren im Profisport wollte ich endlich mehr Zeit mit meinem Mann verbringen, zur Ruhe kommen und nicht ständig unterwegs sein.
Nach dem Ende Ihrer aktiven Karriere ist es ruhig um Sie geworden. Wie ging es für Sie danach weiter?
Dave hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre als Schulleiter in einer privaten Skischule im Bundesstaat Vermont gearbeitet. Für mich war klar, dass ich dem Skisport nicht ganz den Rücken kehren wollte, also habe ich meinen Trainerschein gemacht und dort jahrelang als Trainerin gearbeitet. Außerdem haben wir unsere beiden Söhne Sam (28) und Tim (25) bekommen, die beide die doppelte Staatsbürgerschaft haben.
Das bedeutet, Sie leben heute in Amerika?
Nicht wirklich, nein. Ich bin immer noch in meinem Heimatort Schleching gemeldet und bin nie ganz nach Amerika gezogen. Ungefähr acht bis neun Monate verbringe ich hier und den Rest des Jahres in Amerika. Im Moment bauen wir auch ein Haus in Schleching und planen, in den nächsten Jahren wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Die Green Mountain Valley School unterstützt junge, talentierte Skifahrer dabei, körperbewusst an den Profisport heranzuführen. Was hat Ihnen die Arbeit bedeutet?
In meiner Zeit als Profi hatte ich so viele tolle Menschen, die mich unterstützt haben. Seien es meine Trainer, mein Ärzteteam oder mein Mann. Es war für mich daher selbstverständlich, etwas davon zurückzugeben. Als Trainerin habe ich viel mit verletzten Athleten gearbeitet und mich dafür eingesetzt, dass es in der Schule Reha-Möglichkeiten wie Schwimmbecken, Physiotherapie und ein Ärzteteam gibt. Die Arbeit hat mir sehr viel gegeben.
Sie haben Ihre Tätigkeit als Trainerin 2021 beendet. Heißt das, dass Sie nun endgültig mit dem Skisport abgeschlossen haben?
So ganz raus bin ich noch nicht. Ich unterstütze die Schule, wann immer Bedarf ist, aber mittlerweile mache ich das nur noch ehrenamtlich und übernehme Aufgaben wie Zeitnahme, Videoanalyse, Skischuh-Tests oder organisatorische Tätigkeiten. In all den Jahren habe ich nie die Liebe zum Skisport verloren, und das wird sich auch nicht ändern. Außerdem ist mein Sohn Tim ja selbst noch als Skirennfahrer aktiv.
Das bedeutet, Sie unterstützen ihn auch?
Ja, genau! Allerdings geht es ihm ähnlich wie mir. Er ist jetzt 25 und hat mit zahlreichen Verletzungen zu kämpfen. Aber genauso wie bei mir, weiß ich, zu was er fähig ist. Deshalb hat er meine volle Unterstützung, weiterhin für seinen Traum zu kämpfen. Auch seine Freundin, die kanadische Skirennläuferin Ali Nullmeyer (Anm. d. Red.), die ich kenne, seit sie 13 ist, ist regelmäßig in Vermont. Erst kürzlich hat sie nach ihrer Verletzung drei Wochen lang ihr Reha-Programm in der Skischule absolviert. Außerdem begleiten wir die beiden, wenn wir in Deutschland sind, hin und wieder zu Wettkämpfen. Das hilft dabei jung zu bleiben.
Wie meinen Sie das?
Bei den Wettkämpfen fühlt es sich so an, als sei man nie weg gewesen. Ich treffe dort viele alte Freunde und Weggefährten und das ist immer etwas ganz Besonderes. Das möchte ich nicht missen.
INTERVIEW: FREDERIC RIST