Mehr Nähe, bitte!

von Redaktion

Clubs und TV-Sender erfinden Bundesliga neu – Bayern macht den Anfang

Die Spidercam ist längst Standard – aber nicht das Ende.

Stefan Mennerich, Bayerns Mediendirektor zusammen mit Sportvorstand Max Eberl. © IMAGO/Wagner, IMAGO/Amberg

Neue Nähe zu den TV-Sendern? Leverkusens Patrick Schick macht es vor. © IMAGO/Schwarz

München – Die Fußball-Bundesliga schneidet alte Zöpfe ab, um den Wünschen der übertragenden Sender spürbar mehr entgegenzukommen. Das ist unbedingt notwendig, um einen Einbruch bei den Medienerlösen zu verhindern. Mehr Offenheit gegenüber Kameras und Mikrofonen, mehr Zulassen von Nähe bis in die Kabine hinein wird gefordert und soll erbracht werden. Schon beim Spitzenspiel am Samstagabend (18.30 Uhr/Sky) zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Bayern wird eine Trainerbeobachtungskamera eingesetzt, die ab Sommer zur Standardausrüstung bei Topspielen gehört,

Das Konzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL), das zur Saison 2025/26 vollständig umgesetzt wird, heißt „Closer to the Game“. Zwei Jahre lang haben Clubvertreter und die Spieljahr für Spieljahr Milliardensummen zahlenden Medienpartner immer wieder die Köpfe zusammengesteckt. Markus Aretz, Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach, fasst das Ergebnis zusammen: „Uns wurden die Augen geöffnet, welche Bedürfnisse die TV-Sender haben.“

Auf mehr als 100 Seiten steht nun dezidiert geschrieben, wie die Clubs die Sender zu unterstützen haben. DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel hat messerscharf erkannt: „Wir sitzen in einem Boot.“ Nur gesunde Medienpartner, die mit den Übertragungen der Spiele Geld verdienen, würden auch für gesunde Vereine sorgen. Denn der Anteil des TV-Gelds am Gesamtumsatz beträgt in Liga eins im Schnitt pro Club 30 Prozent, in der zweiten Liga gar 40 Prozent. Die Abhängigkeit ist also groß. Mindestens jeder dritte Euro kommt vom Fernsehen. Steigerungen sind seit 2017 allerdings nicht mehr drin gewesen. Merkel fragt sich gemeinsam mit seinem Geschäftsführerkollegen Marc Lenz also: „Wir können wir wieder auf einen Wachstumspfad einbiegen?“

Dazu gehören sogenannte Midweek-Interviews mit Starspielern, Higlightclips schon während der Spiele, Grußbotschaften von Spielern an Fans aus dem Hotel, Wahl zum „Player of the match“, eine Kamera im Mannschaftsbus bei der Anreise und im Kabinentrakt, innovative Kamerafahrten bei 20 sogenannten „Leuchtturmspielen“ – 15 in der ersten Liga, fünf pro Saison in der zweiten Spielklasse. Auch Blogger und Influencer sollen mehr eingebunden werden. Johann Plenge, Boss von RB Leipzig, erklärt: „Bei einem Testspiel gegen Aston Villa trug unser Mittelfeldspieler Kevin Kampl eine Bodycam. Das ist genau der richtige Ansatz, jüngeres Publikum zu begeistern. Ansonsten verlieren wir an Relevanz.“ Bayern-Finanzvorstand Michael Diederich ist „dafür, neue Wege zu gehen. Den Status einzufrieren, wäre das Ende.“ FCB-Mediendirektor Mennerich sieht es pragmatisch: „Es ist nicht nur ein Vorteil für die übertragenden Sender, sondern auch für uns Clubs.“

Noch immer tun sich TV-Sender aber regelmäßig schwer, Interviewpartner etwa für die Talksendungen „Doppelpass“ (Sport1) oder Sky 90 am Sonntag zu finden. Clubs reagierten bisweilen beleidigt nach kritischen Kommentaren des Sport1-Fachmanns Stefan Effenberg oder des Sky-Experten Didi Hamann. Sky-Manager Hans Gabbe: „Dann hieß es, Hamann hat uns geärgert, ihr kriegt kein Interview.“ So kleines Denken soll es künftig nicht mehr in dieser Ausprägung geben. Gabbe: „Wir wünschen uns, dass die Clubs noch mehr verstehen, was wir machen. Wir wollen nie etwas Böses.“

Mennerich berichtet allerdings auch von schlechten Erfahrungen und nennt dieses Beispiel. Trainer Vincent Kompany hatte an seinem ehemaligen Arbeitsplatz in Burnley mal wochenlang Stress nach der Veröffentlichung eines Clips aus einer Vereinsdokumentation, bei der er auf dem Trainingsplatz laut geworden war. Ein Schnipsel nur, der in den Sozialen Netzwerken und bei Pressekonferenzen zum Leidwesen von Kompany viel Beachtung fand. Mennerich: „Die Lust auf Offenheit wird durch eine solche Skandalisierung natürlich kleiner.“

Kompany ist ein gebranntes Kind, noch viel schlimmer erging es Hansi Flick bei der Amazon-Doku über die in den Wüstensand gesetzte WM in Katar. Weniger als eine Woche nach deren Veröffentlichung war Flick seinen Bundestrainerjob los. Der Mönchengladbach Aretz ist dennoch sicher: „Demnächst werden die Zuschauer Bilder aus der Kabine sehen, die sie bisher nicht gesehen haben. Sie werden erkennen: Dort geht es im Profifußball nicht viel anders zu als in der Kreisliga. Da fallen auch mal harte Worte.“

Harte Worte und kleine Witzchen bevorzugen im Übrigen die ausländischen Medienpartner, Alex Tsiu von BeIn Sports sagt für den asiatischen Raum: „Am besten laufen bei uns die kurzen Clips.“ Thomas Breum von Viaplay erläutert für Skandinavien: „Bei uns sind die Tore gar nicht so wichtig. Lustige Szenen werden geschaut oder Spieler, die mit ihrem eigenen Handy auf dem Platz sich selber filmen.“
JAN CHRISTIAN MÜLLER

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