„Mental bin ich noch Spieler“

von Redaktion

Coach Smith über seine derzeitige Rolle beim EHC – Kampf ums Comeback

Sein bislang letztes Spiel und Tor für den EHC Red Bull München: Ben Smith am 27. Oktober gegen den ERC Ingolstadt. © IMAGO

Plötzlich in anderer Rolle: Ben Smith als Assistent von Cheftrainer Don Jackson. © IMAGO

München – Das Training des EHC Red Bull München ist vorbei, Ben Smith kommt zum Interview, er ist schnell in Shorts geschlüpft. Wie ein Spieler. Doch ist der 36-Jährige das noch? Am 27. Oktober 2024 zog er sich in der Partie gegen Ingolstadt eine komplexe Ellbogenverletzung zu, seit einigen Wochen hilft er als Co-Trainer aus. Im Trainingsalltag und bei den Spielen – wie heute wieder (19.30 Uhr) gegen Schwenningen.

Ben, wer sitzt uns gegenüber: Der Spieler, der Trainer?

Ich bin ein Spieler, der im Moment den Coaches hilft. Ich halte mich derzeit in der Mitte auf. Mental bin ich noch Spieler.

Ist Ihr Platz in der Mannschaftskabine oder im Trainerbüro?

Ich gehe hin und her, habe Zutritt zu beiden. Da ich bei den Spielen hinter der Bande stehe, muss ich wissen, was von Trainerseite aus geplant ist. Auf der anderen Seite sind da meine Teamgefährten seit mittlerweile vier Jahren. Ihnen bin ich verbunden.

Wie laufen Ihre Tage ab?

Sie sind sehr viel länger als früher. Ich mache mein Reha-Training, versuche, von der Kraft und Ausdauer in Form zu bleiben und so schnell wie möglich als Spieler aufs Eis zurückzukehren, aber ebenso gehe ich mit aufs Eis, um die Dinge zu beeinflussen und auch für mich persönlich Erfahrung als Coach zu gewinnen.

Ist die Chance auf ein Spieler-Comeback realistisch?

Ich hoffe es. So wie sich die Saison gestaltet und aufbauend auf dem Erfolg der vergangenen fünf Spiele könnte es sein, dass wir eine schöne Geschichte schreiben und ich ab einem gewissen Punkt dazustoßen kann. Aber ich muss das der medizinischen Abteilung überlassen.

Wessen Idee war es, Sie als Co-Trainer einzusetzen?

Als klar war, dass es eine längerfristige Verletzung ist, fragte Christian Winkler (Sportchef, d. Red.), ob das eine Option sein könnte. Für einen älteren Spieler wie mich ergibt das durchaus Sinn. Eishockey wird, so sehr ich liebe, es zu spielen, irgendwann enden, da ist es eine wertvolle Erfahrung, die ich machen kann. Ich nehme das als ,Quality Time‘ hier im SAP Garden.

Sie machen an der Bande bella figura im Anzug. Mussten Sie sich den für den Job zulegen?

Ich habe nicht den offiziellen Anzug der Trainer. Den Blazer habe ich vor vier Jahren bekommen, als ich hier angefangen habe. Die Krawatte hat mir Pat Dallaire (der Torwarttrainer, d. Red.) gegeben.

Assistenten bekommen immer spezielle Aufgaben zugewiesen. Was ist Ihre?

Ich kümmere mich um die Stürmer und ein bisschen um das Powerplay.

Als Don Jackson, der nun wieder übernommen hat, vor zwei Jahren in den vermeintlichen Ruhestand ging, wurde er gefragt, wer aus seinem damaligen Team mal Trainer werden könnte. Er nannte Patrick Hager und Daryl Boyle. Hat er Ben Smith vergessen?

(lacht) Bei diesen beiden Jungs ist klar, dass sie Coaches werden. Was mich betrifft: Mir ist schon länger bewusst, dass ich in diesem Sport bleiben will – aber noch nicht, in welcher Rolle. Deshalb ist die Erfahrung, die ich gerade mache, wertvoll. Die Teamgefährten sind auch „meine Spieler“, wir haben manchmal harte Konversationen, doch ebenso wird viel gelacht. Die Spieler nennen mich die ganze Zeit „Coach“ – aber das ist momentan halt die Rolle, in der ich zu einem gemeinsamen Ziel, das wir haben, beitragen kann. Da will ich einhundert Prozent geben, allerdings auch in meinem Bemühen, als Spieler zurückzukehren.

Sie haben am Boston College gespielt und studiert, Sie hätten auch andere Optionen, als Eishockey-Trainer zu werden.

Wenn Eishockey wie bei mir 31 Jahre Teil des Lebens ist, ist es schwer, sich etwas komplett anderes vorzustellen – obwohl ich viele Interessen habe und Freunde, die in anderen Bereichen tätig sind. Ich könnte vieles ausprobieren. Aber ich genieße es, Teil dieses sportlichen Kampfes zu sein. Aktuell eben als Coach.

Wie sieht der beste Weg in den Trainerberuf aus? Es gibt so viele Einstiegsmöglichkeiten: über den Nachwuchs, als Spezialcoach für Skills, für Videoanalyse.

Ich stelle diese Fragen auch, rufe Leute an, die in dem Metier tätig sind, erkundige mich hier bei Don (Jackson), Pierre (Allard), Pat (Dallaire) und Max (Kaltenhauser), als er da war. Ich frage überhaupt viel: Wie ich ein Spiel vorbereite, wie ich es lese, sodass ich die besten Entscheidungen treffen kann, auch wie ich meine Gefühle und meine persönlichen Beziehungen, die ich zu den Jungs unterhalte, aus diesen Entscheidungen heraushalten kann. Als Profi seit 15 Jahren habe ich viele Head Coaches, Skills und Development Coaches erlebt und ein Gefühl bekommen, wie diese zu den Spielern stehen – aber selbst über die Schwelle zu gehen, das ist neu.

Sehen Sie sich in Deutschland oder Nordamerika?

Beides ist interessant. In der DEL bin ich seit sieben Jahren, das ist fast die Hälfte meiner Profikarriere, hier ist meine Familie größer geworden. Wir sind offen. Wenn sich eine Gelegenheit auftut, hören wir uns das an.

Ist diese Saison die forderndste, die Sie in Deutschland, wo Sie 2018 bei den Adler Mannheim anfingen, erlebt haben? Es gab den Umzug in den SAP Garden, zwei Trainerwechsel, die Mannschaft erlebte mit, dass die Mutter von Max Kaltenhauser und der Bruder ihres Mitspielers Andreas Eder starb…

Die Covid-Zeit war auch fordernd. Die vergangene Saison war es, weil wir nicht die gewünschten Ergebnisse hatten und den Druck spürten. Und dieses Jahr ist viel passiert. Man will nie, dass Menschen diese Verlusterfahrungen machen. Man versucht, die Betroffenen zu unterstützen und hofft, dass das Team zusammenrückt. Es ist ein wildes Jahr, aber wir haben noch Zeit, um etwas zu schaffen, auf das wir glücklich zurückblicken können.


INTERVIEW: GÜNTER KLEIN

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