Tausendsassa: Der Abschied von Schmidt

von Redaktion

Mainz – Martin Schmidt hat nicht vergessen, als vor 15 Jahren das Telefon klingelte. Zu außergewöhnlich die Umstände, als Christian Heidel bei ihm erstmals anrief, um sich nach seiner Verfügbarkeit zu erkundigen. „Ich lag nach meinem siebten Kreuzbandriss gerade im Vorraum vom OP-Saal.“ Die Gelenke, lädiert vom Fußball, Skifahren und anderem Abenteurertum, hätten keinen weiteren Aufschub vertragen, das habe er dem Macher vom FSV Mainz 05 erklärt.

Dass er Wochen später zum Vorstellungsgespräch am Bruchweg mit zerrissenen Jeans und langen Haaren aufschlug, hat nicht geschadet, obwohl es mit Peter Hyballa einen energetischen Mitbewerber gegeben habe, wie Schmidt bei einer letzten Presserunde am Wochenende betont haben wollte. Der eigenwillige Schweizer und Mainz haben sich nunmehr offiziell getrennt. Wie sehr man sich gegenseitig auf den vielen prägenden Etappen ins Herz geschlossen hat, war bei der Verabschiedung zum Heimspiel gegen den FC Augsburg (0:0) zu besichtigen, als der 57-Jährige aufrichtige Dankesworte ans Publikum richtete, das ihn danach ausgiebig mit Sprechchören feierte.

Für einen, der zuletzt gar nicht mehr im operativen Geschäft tätig war und nun auch seine beratende Tätigkeit einstellt, ist das nicht selbstverständlich. Die Nullfünfer wissen, was sie diesem unangepassten Typen zu verdanken haben, der 2010 die zweite Mannschaft übernahm, weil sich der gerade zum Bundesligatrainer beförderte Thomas Tuchel einen neuen Impuls für den Unterbau wünschte. Der von ihm ausgesuchte Schmidt erledigte den Job mit großer Leidenschaft, ehe sie ihn im Februar 2015 zum Cheftrainer der Profis beförderten. Kasper Hjulmand als Tuchel-Nachfolger hatte nämlich nicht gepasst. Mit Schmidt gelang der Einzug in die Europa League, wobei der damalige Coach sich vor allem an eine Reise nach Saint-Etienne erinnert, weil auf einem Platz beim Abschlusstraining „100 000 Würmer lagen“. Weniger schön auch der Abstiegskampf, der bei seinem Comeback als Sportdirektor Weihnachten 2020 an den Nerven aller Beteiligten zehrte. Damals habe er gespürt, was es mit Angestellten mache, die nicht wie die Spieler einfach weiterziehen können, weil „sie sich fragen, ob sie bei einem Abstieg noch einen Job haben.“
FRANK HELLMANN

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