„Fehler machen ist menschlich“

von Redaktion

Schweizer Biathlon-Heldin Lena Häcki-Groß mischt trotz Essstörung die Weltelite auf

Vor der WM Trainingspartnerinnen: Häcki-Groß (vorne) und Preuß. © Schutt/dpa

Lenzerheide – Lokalmatadorin Lena Häcki-Groß ist eine der tragischen Figuren der bisherigen Biathlon-Weltmeisterschaften in Lenzerheide. Die Schweizerin schrammte im Sprint nur um 1,4 Sekunden an der ersten WM-Medaille vorbei und auch in der Verfolgung lag die 29-Jährige bis zum letzten Schießen auf Medaillenkurs – nach drei Fehlern blieb ihr nur der fünfte Rang. Wir haben mit ihr über die größte Medaillenchance gesprochen, aber auch über ihre überwundene Essstörung und ihre Aufgaben als Athletensprecherin.

Frau Häcki-Groß, die Schweiz ist gefühlt so stark wie nie. Amy Baserga stand in Ruhpolding auf dem Podium, in der Staffel hat auch zweimal nicht viel gefehlt. Geht endlich eine Medaille an die Schweiz?

Das wäre das Ziel. Wir haben ja alles in der Vorbereitung voll auf die WM auf ausgerichtet, weil die Schweiz hat ja noch nie ne WM Medaille geholt. Vor allem die Staffeln sind für uns immer ne große Chance.

In Ruhpolding hatten Sie doppeltes Pech. Bei Ihrem vierten Platz sind Sie und Elisa Gasparin gestürzt.

Wir haben nach dem Rennen gesagt: Wir haben das Pech für diese Saison jetzt einfach aufgebraucht.

Sie sind verheiratet mit Marco Groß, wohnen teilweise in Ruhpolding. Gibt es da auch mal eine Trainingsgruppe mit Franziska Preuß?

Ja, immer mal wieder, wenn wir zur gleichen Zeit da sind. Zum Beispiel in der Woche vor der WM hab‘ ich Franzi getroffen und wir sind ne Runde langlaufen gegangen zusammen.

Sie haben vor gut zwei Jahren Ihre Essstörung öffentlich gemacht. Wie geht es Ihnen jetzt und wie gehen Sie jetzt damit um?

Mir geht es jetzt gut. Ich hab mit einer Therapeutin zusammengearbeitet und arbeite immer noch zusammen mit ihr. Für mich war es wichtig, das ganze wirklich mit Hilfe anzugehen und Strategien zu finden, wie ich mit meinem Verhaltensmuster umgehen kann und vor allem diese Muster zu erkennen und zu umgehen.

Welche Strategie hilft Ihnen ganz konkret?

Die wichtigste Sache, die ich gelernt hab, war eigentlich, dass ich gut bin, so wie ich bin und nicht irgendwas an mir verändern muss. Bei mir sind negative Gedanken immer aufgetreten, wenn ich versucht habe, zu rabiat Gewicht zu verlieren. Ich glaub, das ist das Wichtigste, so negative Gedankengänge zu erkennen und schnell zu intervenieren.

Haben Sie Angst, dass Sie wieder abrutschen könnten?

Nein, nicht so extreme Angst. Ich weiß, dass ich in gewisse Muster wieder zurückfallen kann und ich vielleicht auch wieder Fressattacken haben werde. Aber ich glaube, das ist Teil des Ganzen und wichtig für mich ist immer, dass ich mir selber vergebe, wenn ich Fehler mache, weil Fehler machen ist menschlich.

Sie sind seit April auch Athletensprecherin. Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben?

Ich bin die Athletenvertreterin im Executive Board der IBU. Da vertrete ich die Argumente der Athleten vor dem Gremium. Wir machen dazu auch Umfragen, damit die Gesamtmeinung von den Athleten abgebildet wird. In diesem Jahr war natürlich das größte Thema die Startgruppen.

Die Regelung, dass die Topathleten nun in der drittenGruppe starten, hat für Unmut gesorgt. Seid ihr da übergangen worden?

Ja, das Ding ist, dass die Athleten nur eine von zehn Stimmen haben. Aber wir haben einige Vorschläge zurückgewiesen, die gar nicht gingen. Wir haben einen Kompromiss gefunden. Aber ich glaube, so wie es jetzt ist, ist es immer noch nicht optimal für die Athleten – aber es war das Optimalste, was wir aushandeln konnten.


INTERVIEW:

ALEXANDER VORMSTEIN

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