Höhenflug in Virginia

von Redaktion

Das Leben der Gräfelfinger Stabhochspringerin Sistermann am US-College

Auch beim Football schaute Sistermann schon vorbei. In das Lane Stadion der Virginia Tech passen 60 000 Fans. © IMAGO

„Ganz ruhige Person“: Sistermann mit Bob Phillips.

Beste Trainingsbedingungen: Sistermann tritt für die „Hokies“ an. © Privat (2)

Vom TSV Gräfelfing in die weite Welt. Chiara Sistermann studiert im zweiten Jahr an der renommierten Virginia Tech. Der Sportetat der Universität lag 2023 bei rund 110 Millionen Euro, die Stabhochspringerin trainiert unter dem legendären Bob Phillips. Mit unserer Zeitung spricht die 20-Jährige (U20 Vize-Weltmeisterin 2020, 2. bei den Deutschen Meisterschaften 2023) über eine eigene Kantine für Athleten, die Olympischen Spiele 2028 und Überflieger Mondo Duplantis.

Chiara Sistermann, Sie trainieren im zweiten Jahr an der Virginia Tech. Ist Ihnen der Schritt von Gräfelfing nach Virginia damals leichtgefallen?

Ich habe mich schnell eingefunden und hatte kein Heimweh. Für die Athleten wurde ein eigenes Haus gebaut, wir haben unser eigenes Zimmer und Bad. Die ersten Wochen ist unfassbar viel passiert, du lernst neue Leute kennen, der Unterricht beginnt, du gewöhnst dich an die Uni … Da hatte ich gar keine Zeit, über Heimweh nachzudenken (lacht). Die Zeit verfliegt hier wirklich.

Die Athleten schwärmen meist von den Trainingsbedingungen in Amerika. Geht es Ihnen auch so?

Die Gruppe hat mich super aufgenommen. Ich habe mich schnell wie zuhause gefühlt. Ich habe hier wirklich die perfekten Bedingungen für das Training und meine Weiterentwicklung. Es gibt eine moderne Leichtathletik-Halle, wir können also das ganze Jahr über direkt vor der Haustür trainieren. Es kommen auch Leute von außerhalb, um unsere Stabhochsprunganlage zu nutzen. In der Halle sind die Physioräume, die sind immer für einen da, auch sonntags. Vor dem Training kannst du schon eine Behandlung bei den Physios bekommen. Als Athlet bekommst du immer die Uni-Kurse, die du haben möchtest. Es gibt extra Mitarbeiter, die sich darum kümmern. Wenn die Mitarbeiter merken, dass es mit den Noten runtergeht, bekommst du sofort umsonst Nachhilfe. Es gibt eine eigene Kantine für Athleten, da ist das Essen gesünder als an den anderen Orten. Es gibt einen eigenen Kiosk für Athleten mit Proteinriegeln usw. Du wirst rundum betreut und musst dich eigentlich um nichts mehr kümmern. Man kann sich voll auf das Training und die Uni konzentrieren.

Das renommierte Stabhochsprung-Programm an der Virginia Tech leitet seit über 37 Jahren Bob Phillips, eine Trainer-Legende.

Jeder Athlet, der bei Bob in der Trainingsgruppe ist, gehört eigentlich national zur Spitzengruppe. Stabhochsprungtraining haben wir immer nur zu zweit, weil Bob sich auf die einzelnen Athleten konzentrieren möchte. Er ist super erfahren, kennt alles und jeden. Er schaut, wann wir unsere Uni-Kurse haben, und plant das Training dann entsprechend ein. Eine ganz ruhige Person, er wird nie laut. Bob erzählt immer Geschichten von vor 20 Jahren. Da denke ich mir: Joa, da wurde ich gerade geboren … (lacht). Die Frauen-Trainingsgruppe ist in Amerika die Nummer eins beim Stabhochsprung. Bridget Williams trainiert bei uns, die auch bei den Olympischen Spielen in Paris dabei war. Es gibt einen absoluten Leistungsgedanken, aber die Atmosphäre ist total entspannt.

Die Leichtathleten der Virginia Tech sind als „Hokies“ bekannt, es gibt einheitliche Auftritte bei Wettkämpfen und eine Präsenz bei Social Media. Wie ist das Leben als Athlet an einem US-College?

Ich komme ja von einem kleinen Verein, beim TSV Gräfelfing sind wir auch zu großen Wettkämpfen immer nur mit wenigen Personen hingefahren. Jetzt hast du ein ganzes Team hinter dir, reist mit 30 oder 40 Personen an. Virginia Tech ist bekannt, jeder kennt die Uni und weiß, dass wir gut sind. Ich bin niemand, der groß rumposaunt, dass ich Athlet bin. Aber, wenn es sich in Gesprächen im Unterricht ergibt, sind die Leute immer wahnsinnig begeistert, dass man Athlet ist. Der Sport spielt hier eine riesige Rolle und die Athleten werden teilweise echt angehimmelt.

Haben Sie auch schon beim Football vorbeigeschaut? Ins Lane Stadion passen über 60 000 Fans …

Als Athlet bekommen wir umsonst Tickets für Basketball und Football. Ich habe mir schon viele Spiele angeschaut. Die Stimmung dort ist einfach der Wahnsinn. Vor den Spielen gibt es immer die Tailgate-Partys, die Leute feiern eigentlich den ganzen Tag durch. Es ist alles so riesig, alle tragen Fansachen der Uni, die Heimspiele werden hier richtig zelebriert.

Wie sehr sind Sie mit Ihrer sportlichen Weiterentwicklung zufrieden?

Im ersten Jahr habe ich mich super weiterentwickelt, bin hohe Höhen gesprungen. Im Januar letzten Jahres habe ich mich dann verletzt, ich hatte eine Schiefstellung im Bein, das hat sich auf das Knie ausgewirkt. Ich konnte nur drei Wettkämpfe in der Halle machen, das hat sich auch auf die Freiluftsaison ausgewirkt. Ich habe in meinem Sprung viel umgestellt, vor allem technische Dinge, um höher springen zu können. Sonst bin ich einfach immer gesprungen, jetzt musste ich mehr nachdenken. Da muss sich erst ein Automatismus entwickeln, wenn du Bewegungen, die du jahrelang kanntest, umstellst. Ich kann nie genug springen. Die Komplexität des Sprunges sorgt dafür, dass dir nie langweilig wird (lacht). Man kann immer wieder an neuen Details arbeiten, es gibt immer Feinheiten zu verbessern. Den perfekten Sprung erreichst du eigentlich nicht. Aber, wenn du einen guten Sprung erwischst und du spürst, wie der Schub des Stabs dich nach oben drückt, das ist schon ein cooles Gefühl.

Mondo Duplantis hat den Stabhochsprung noch mal auf ein neues Level gehoben. Viele Experten staunen über die immer neuen Weltrekordsprünge. Wie geht das Ihnen als Athletin?

Er springt definitiv in einer anderen Welt, aber man versteht, warum er so gut ist. Er ist extrem schnell, vermutlich der schnellste Stabhochspringer. Er macht den Sport gefühlt seit er laufen kann, hat ein unheimliches Gefühl mit dem Stab entwickelt. Der kennt jede Bewegung, merkt jedes Detail, er weiß alles über diesen Sport. Es macht schon Sinn, warum er so hochspringt. Es ist aber trotzdem Wahnsinn, was er da immer abliefert.

Auf welche Highlights konzentrieren Sie sich dieses Jahr? Und geht der Blick auch schon mal Richtung Los Angeles 2028?

Die U23-Europameisterschaften in Bern und eine Woche später die Universiade in Bochum und Düsseldorf. Ein wahnsinnig cooles Event, meine Freunde und Familie kommen zum Anfeuern. Das wird mein Highlight für dieses Jahr. Die Olympischen Spiele in LA spielen natürlich eine Rolle. Ich möchte Medizin studieren, mein Abschluss ist für 2027 geplant. In dem Jahr danach möchte ich mich voll auf den Sport konzentrieren. Also ich überlege schon, wie mein Abschluss und Vorbereitung auf die Olympischen Spiele zusammenpassen könnten, aber mein Fokus im Training gilt immer dem nächsten sportlichen Großereignis.


INTERVIEW:

NICO-MARIUS SCHMITZ

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