Wer spielt sich fest? Pavlovic und Goretzka. © IMAGO
München – Vielleicht sollte sich dieser Kreis einfach schließen. Denn irgendwie, so komisch es klingt, ist Stuttgart ein Pflaster, das in der Vita von Joshua Kimmich immer wieder für Ausschläge sorgt. Ausgebildet und gewachsen ist der 30-Jährige bekanntlich im Nachwuchsleistungszentrum der Schwaben, er kehrt eigentlich gerne an seine alte Wirkungsstätte zurück. Aber immer dann, wenn es so weit ist, passiert etwas Unvorhergesehenes. Bei der letzten Reise im Mai 2024 wurde Kimmich das letzte Mal ausgewechselt, ehe er danach unter Thomas Tuchel und Vincent Kompany insgesamt mehr als 3400 Spielminuten ohne Pause im roten Trikot absolvierte. Und nun, wo am Freitag (20.30 Uhr) die nächste Partie im Schwabenland wartet, steht er bekanntlich auf der Kippe.
Vier Tage Zeit hatte bzw. hat Kimmich, um nach dem verletzungsbedingten Aus am Sonntag beim 4:0 gegen Frankfurt fit für den Südschlager zu werden. Aber auch wenn die offizielle Diagnose „Sehnenreizung“ harmlos klingt und Kimmich selbst den Freitag fest ins Visier genommen hat, darf man davon ausgehen, dass Kompanys Planungen zum ersten Mal in seiner Amtszeit ein Spiel ohne den Regisseur beinhalten. Der Blick des Trainers muss weiter vorausgehen, auf den Mittwoch der kommenden Woche, wo es im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen Bayer Leverkusen um eine gute Ausgangslage und viel Prestige geht. Der 38-Jährige weiß: Ein Ausfall von Kimmich bei diesem Kräftemessen wäre der Super-GAU.
Die Bedeutung des Mannes, der mehr Pässe spielt als jeder andere Mittelfeldspieler in den europäischen Top-5-Ligen, stellt auch Lothar Matthäus heraus. „Joshua Kimmich ist unverzichtbar für den FC Bayern als Organisator, als Leader, als Persönlichkeit“, schreibt der Rekord-Nationalspieler in seiner „Sky“-Kolumne, legt dem DFB-Kapitän aber eine Pause in Stuttgart ans Herz. Als Alternativen nennt er mit Blick auf Kompanys so gut wie vollständig fitten Kader Aleksandar Pavlovic, Leon Goretzka und Konrad Laimer. Moment mal… fehlt da nicht jemand? Oder ist Joao Palhinha tatsächlich schon so weit abgemeldet, dass man ihn gar nicht mehr erwähnen muss?
Der Blick auf die Statistik zumindest spricht nicht für den Portugiesen. 658 Minuten Einsatzzeit sind für Palhinha notiert – Goretzka hat, obwohl zu Beginn der Saison vollkommen außen vor, bereits mehr als doppelt so viele gesammelt. Der Champions-League-Sieger von 2020 steht bei 1388 Minuten, Pavlovic bei 1427, Laimer bei 1605 (die er allerdings auch in der Abwehr absolviert hat). Lediglich zu Beginn der Saison stand Palhinha noch ab und an in der Startelf. Weil der 60-Millionen-Mann aber zu selten überzeugte, verpuffte der Star-Effekt schnell. Kompany lobt zwar stets den gesamten Kader, kann aber wenig bis gar nichts mit ihm anfangen. Hinter vorgehaltener Hand spricht man rund um die Säbener Straße schon davon, dass Palhinha nur geholt wurde, weil es ihm beim gescheiterten Versuch eines Kaufs unter Tuchel im Jahr zuvor versprochen worden war.
Aktuell ist der 29-Jährige Mitläufer, womöglich sogar Verkaufskandidat. Dass er zuletzt wegen eines Muskelfaserrisses und danach wegen einer Grippe ausfiel, macht die Sache nicht einfacher. Gegen Frankfurt bekam Pavlovic den Vorzug, als Kimmich in der 43. Minute vom Feld musste. Auch der Youngster hat schon bessere Zeiten im Bayern-Dress erlebt, machte seine Sache aber tadellos. Kann Kompany Kimmich von einer Pause überzeugen, dürfte also das Duo Goretzka/Pavlovic am Freitag die erste Wahl sein. Beziehungsweise: die beste zweite Wahl.
H. Raif, P. Kessler, V. Tschirpke