ZUM TAGE

Vorhang auf für die gefilterte Wahrheit

von Redaktion

Müllers Doku veröffentlicht

Der Spannungsbogen bis zum gestrigen Dienstag war lang, sehr lang. Mehr als zwei Jahre hat Thomas Müller sich von einem Amazon-Filmteam begleiten lassen, und man hätte nicht selten hinter den verschlossenen Türen der Allianz-Arena-Katakomben gerne mit den Kameramännern getauscht. Sie waren stets nah am Mann, in guten wie in schlechten Zeiten. Auf Band also existiert irgendwo die ungefilterte Wahrheit zum Star des FC Bayern, seinem Wirken, seiner Meinung. Wiedergegeben kann und wird in der Dokumentation „Einer wie keiner“, die am 4. März veröffentlicht wird und gestern Vorab-Premiere feierte, nur ein Bruchteil davon. Genau der Bruchteil, mit dem alle Beteiligten (Macher, Müller, Manager, Verein) zufrieden sein können.

Schon jetzt ist sicher: Diese Doku wird ein Erfolg werden. Zum einen, weil Müller eben Müller ist, also: der etwas andere Fußballer, Everybody‘s Darling, ein guter-Kumpel-Typ. Und zum anderen, weil Sport-Dokumentationen an sich seit ihrem Durchbruch vor einem guten Jahrzehnt ihre eigene Erfolgsstory schreiben. Der Blick hinter die Kulissen, hochglänzende Aufarbeitung gepaart mit Spiel- oder Wettkampfszenen, dazu bewusst erzeugte unmittelbare Nähe auch im privaten Bereich: Wer die Streaming-Dienste abklappert, fühlt sich so, als sei er mittendrin statt nur dabei. Am Bett von Weltmeister Bastian Schweinsteiger, im Wohnzimmer von David Beckham, auf dem Schwebebalken von Simone Biles, dem Rad von Jan Ullrich oder vor dem Korb mit Michael Jordan: Es gibt inzwischen wenig, was es nicht gibt. Und trotzdem immer wieder Neues.

Dass der Sport schöne Geschichten schreibt und emotionale Bilder liefert, ist bekannt. Und trotzdem hat sich das, was 1998 mit dem Film „Les Yeux dans les Bleus“über die französische WM-Elf begann und hierzulande mit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ einen Nachahmer fand, längst zu einer eigenen Industrie entwickelt. Für diejenigen, die sich innerhalb der Sport-Blase bewegen, gibt es nur Vorteile. Streaming-Dienste investieren in „Original Content“, produzieren also lieber selbst als in überteuerte Übertragungsrechte zu investieren. Und diejenigen, die früher eine simple Biografie verfasst hätten, öffnen ihre Türen bereitwillig. Weniger Aufwand, mehr Ertrag– aber für den Zuschauer eben auch: die gefilterte Wahrheit. Nähert man sich der Thematik als Rezipient in diesem Bewusstsein, lohnt sich das Einschalten meist. Nicht nur, aber besonders bei Müller.

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