Wenn der Löwe mit dem Feuer spielt: Pyroshow der Westkurven-Fans im Heimspiel gegen Bielefeld – „eine ganz, ganz harte Nuss“, findet Sportchef Werner. © IMAGO
Verbindende Löwen-Leidenschaft: Gruppenfoto der Landtags-Abgeordneten mit der Sportlichen Leitung des TSV 1860. Von links: Johann Groß (Freie Wähler), Max Deisenhofer (Grüne), Sportchef Christian Werner, Trainer Patrick Glöckner, Andreas Birzele und Markus Büchler (beide Grüne). © Sampics / Stefan Matzke
München – Als der lockere Auftakt vorbei war und die Fragen ernster wurden, legte Patrick Glöckner eine gekonnte Schauspieleinlage ein. Er setzte eine erschrocken-amüsierte Miene auf, versteckte sich hinter seiner hochgezogenen Jacke und blickte hilfesuchend zu Sportchef Christian Werner, der neben ihm auf dem Podium saß. „Willst du?“, fragte der Löwen-Coach. Genauso gut hätte er sagen können: Du kennst das rätselhafte Team besser – ich bin ja erst seit fünf Wochen dabei…
Grünen-Politiker Christoph Nadler (68), stellvertretender Landrat aus Taufkirchen, hatte die Gunst der Stunde genutzt und den Stammtisch der Landtagslöwen kurzzeitig in einen Untersuchungsausschuss verwandelt. Als leidender Dauerkartenbesitzer bohrte er tief und packte viel angestauten Frust in seine dreiteilige Frage. Los ging‘s mit einer schonungslosen Diagnose: „Erstens: Die Mannschaft ist vollkommen verunsichert, sie trauen sich nichts zu. Jeder ist froh, wenn er den Ball nicht bekommt.“ Zweitens: „Der konditionelle Zustand ist nicht so, wie man es in der 3. Liga braucht. Ich hab mir ein paar Trainings angeschaut. Da hätte ich teilweise mitmachen können.“ Drittens: „Bei vielen Spielern kann ich gut nachvollziehen, warum sie gekauft wurden. Woran liegt es aber, dass sie mit der Zeit alle guten Fähigkeiten verlieren, die sie jemals gezeigt haben?“
Da sprach einer vielen Löwen-Fans aus dem Herzen – auch den versammelten Abgeordneten, die die Sportliche Leitung der Löwen eingeladen hatten. Dem Schweigen nach Nadlers Abrechnung folgte Gelächter, als sich Glöckner wegduckte. Werner übernahm, doch wie so oft an diesem Abend: Weder der Sportchef noch der Trainer hatten Erklärungen parat, warum das theoretisch Gute, das in der Mannschaft steckt, zu selten in Punkte und Siege verwandelt wird.
Werners schlüssigster Ansatz für so manches Phänomen wie die seltsame Heim/Auswärts-Diskrepanz: „Das Umfeld von 1860 ist sehr speziell, da muss man sehr klar im Kopf sein. Es ist ein extrem lebendiger Verein – als datenaffiner Mensch hab ich das lange unterschätzt, aber am Ende des Tages darf man den Menschen nicht ausklammern. Im Fußball passiert da ganz arg viel, und deswegen müssen wir künftig eine bessere Quote an Spielern haben, die hier durchstarten.“ Und Glöckner: Der vermied es, Vorgänger Giannikis den Schwarzen Peter zuzuschieben. Die Mannschaft sei jetzt fit für seinen aktiven Fußball, sagte er. Noch nie seien die Laufwerte so gut gewesen wie gegen Bielefeld. In einem Spiel, das 0:3 endete. „Ich habe ein sehr, sehr gutes Gefühl mit der Mannschaft“, sagte er: „Ich mag sie unwahrscheinlich gerne.“ Auch Werner gab zu: „Ich liebe es, hier zu sein. Wenn etwas einfach ist, ist es meistens auch langweilig, und 1860 hat nun mal eine ganz andere Strahlkraft als jeder andere Club in der 3. Liga.“
Ein Punkt, den wohl alle der rund 30 Anwesenden in der Bayern-Stube des Landtags unterschrieben hätte. Es war ein charmantes Beschnuppern von Löwen, die in der Verantwortung stehen – und Politikern, die beim Fußball von ihrem verantwortungsvollen Job abschalten wollen. Einig war man sich sogar beim Aufreger-Thema Pyrotechnik. Tenor: Schön, aber gefährlich und teuer. Schon jetzt, sagte Werner, liege man bei den Gesamtstrafen „roundabout“ bei der Summe der zurückliegenden Saison „Das ist eine ganz, ganz harte Nuss“, sagte er, „ein immenser Einschnitt“ in den Etat.
Was kaum zur Sprache kam, war das wichtige Spiel am Samstag bei Hannover II (14 Uhr). Glöckner deutete an, die Spielweise der Mannschaft an den Abstiegskampf anzupassen. Als er die Sprache wiedergefunden hatte, sagte er einen schönen Satz: „Wir sind der Fels in der Brandung. Die Jungs können sich hinter uns aufstellen. Wir gucken dann, dass wir sie so in die Perfomance kriegen, dass wir am Ende unser Ziel erreichen.“
ULI KELLNER