Bitte von der Leine lassen!

von Redaktion

Skeletonis brennen nach zerstückelter Saison auf WM-Medaillen

Nimmt Schwung: Olympiasieger Grotheer. © IMAGO

München – Nimmt man den Terminplan von Christian Baude seit November mal genau unter die Lupe, lässt sich feststellen, dass Regelmäßigkeit für den Cheftrainer der deutschen Skeletonis in der laufenden Saison ein Fremdwort war. Zwei Weltcups im November, zwei im Dezember, zwei im Januar, einer Anfang Februar – und dann kam lange: nichts. Zwischen dem letzten Ernstfall in Lillehammer und dem nächsten, der an diesem Donnerstag bei den Weltmeisterschaften in Lake Placid stattfindet, ist ein ganzer Monat vergangen. Und trotzdem ist die BSD-Truppe mit einer klaren Vorgabe über den großen Teich geflogen. Baude sagt: „Wir wollen in jeder Disziplin eine Medaille holen.“

Ob das gelingt und ob es gelungen ist, dass seine Sportler um die Olympiasieger Christopher Grotheer und Hannah Neise trotz dieser Stückelung pünktlich zum Highlight des vorolympischen Winters in Topform sind – das war natürlich auch für Baude eine kleine Wundertüte, als er die Reise Mitte vergangener Woche antrat. Der 42-Jährige sagt offen: „Wir kennen das so nicht.“ Und auch wenn die ungewohnt viele Zeit für „Athletik und Material“ genutzt werden konnte, gibt der Trainer zu: „Hintenraus war es doch ein bisschen lang.“ Es liegt in der Natur der Sache, dass Topsportler den Wettkampf brauchen, Grotheer und Co. brennen also seit Wochen auf die WM und wollen endlich von der Leine gelassen werden. Immerhin aber hat Baude ein paar Wochen der Freizeit füllen können – und sich so womöglich einen entscheidenden Vorteil auf dem Weg zu WM-Edelmetall verschafft.

Ende Januar nämlich, als der Kalender mal wieder keinen Weltcup vorgesehen hatte, nutzte das deutsche Team die Gunst der Stunde, um schon mal WM-Luft zu schnuppern – als Teilnehmer des America’s Cup auf jener Bahn, auf der in den kommenden zwei Wochen die Bob- und Skeleton-Champions gesucht werden. „Wir haben diese Rennen in Lake Placid als Trainingsläufe genutzt“, erzählt Baude und spricht die „vielen Defizite“, die die US-Reise offenbart hat, von selbst an. Gute fünf Wochen hatte man nach den durchwachsenen Leistungen, um Anpassungen an den Schlitten vorzunehmen. Es wurde geschraubt, getüftelt, diskutiert. So lange, bis Baude sagen konnte: Damit versuchen wir es jetzt. Er hofft auf eine „gute WM, um Vollgas in Richtung Sommer zu gehen“.

Das hört sich aus dem Mund eines Wintersportlers erstmal komisch an. Aber Baude weiß halt, „dass alles, was seit zwei Jahren passiert, schon Auswirkungen auf die olympische Saison hat“. Olympische Athleten denken in Vierjahreszyklen, das dritte Jahr nach dem großen Erfolg von Peking (Baude: „Nicht zu wiederholen“) neigt sich gerade dem Ende. Zwar seien die „huckelige und schlecht ausgebaute“ Bahn in Lake Placid und der Neubau in Cortina d‘Ampezzo nicht zu vergleichen. Aber Baude sieht die WM trotzdem als „Fingerzeig, wo wir stehen“. Die Saison lief nicht optimal – Grotheer und Neise holten jeweils den dritten Platz im Gesamtweltcup. Aber „sie lief auch nicht ganz so schlecht“. Der Chef traut all seinen Athleten – neben den beiden Olympiasiegern kämpfen Felix Keisinger, Axel Jungk, Susanne Kreher und Jacqueline Pfeifer um Medaillen – zu, vorne reinzufahren.

Das Motto dieser Titelkämpfe heißt für den Ex-Rodler: „Jeder jagt jeden!“ Und so gibt er seinen Sportlern auch öffentlich mit auf den Weg, was er vor jedem Großereignis predigt: „Man kann am ersten Tag noch nichts gewinnen, aber alles verlieren.“ Im Weltcup muss jeder nur zweimal die Bahn runterrasen, bei der WM sind es vier Läufe. Am Ende steht der ganz oben, der die Nerven in der Nacht „am besten im Griff hatte“. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Selbst in einer Saison, in der ansonsten irgendwie alles anders war.
HANNA RAIF

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