„Die Vereine sind begeistert“

von Redaktion

UEFA-Wettbewerbschef Hedtstück über den neuen CL-Modus

Begehrt: die Champions-League-Trophäe. © IMAGO

Tobias Hedtstück. © Skeie/UEFA/Getty

36 Mannschaften, 144 Spiele, eine Tabelle – zum ersten Mal wurde die Champions League in dieser Saison in einem neuen Modus ausgetragen. Tobias Hedtstück, als „Chief of Club Competition“ bei der UEFA gewissermaßen der Chef der Champions League, zieht vor den Achtelfinalspielen im Interview ein erstes Fazit.

Herr Hedtstück, am letzten Spieltag der Ligaphase fanden 18 Partien gleichzeitig statt. Wie und wo haben Sie das verfolgt?

Zusammen mit dem Team in unserem Match Center. Zu sehen, wie all das, was man bisher nur theoretisch diskutiert hat, nun wirklich mit Leben gefüllt wird, war sehr cool. Der letzte Spieltag war der Hammer!

Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus? Hat sich das neue Format in der Praxis bewährt?

Es ist genau das eingetreten, was wir uns erhofft hatten. Wir wollten mehr unterschiedliche Gegner für jede Mannschaft, mehr Dynamik und mehr Ausgewogenheit im Wettbewerb. Es sollte immer und bis zur letzten Minute um etwas gehen – mit mehr Spitzenspielen. Aus unserer Sicht hat die Ligaphase all das erfüllt.

Welches Feedback haben Sie von den teilnehmenden Clubs erhalten?

Das war sehr, sehr positiv. Wir evaluieren weiter, sind in engem Kontakt mit den Vereinen und machen Umfragen. Was wir direkt an Feedback bekommen haben: Viele Vereine waren begeistert und haben sich vor allem gefreut, dass sie gegen Vereine antreten mussten, gegen die sie vorher noch nie gespielt haben.

Und weiter?

Alle Clubs haben daran geglaubt, etwas erreichen zu können – und zwar fast bis zum Schluss. Man denke nur an Dinamo Zagreb, das nur deshalb nicht weiterkam, weil Sporting Lissabon im Parallelspiel kurz vor Schluss noch traf.

Wie nehmen Sie die Reaktionen der Fans in Bezug auf das neue Format wahr?

Wir haben schon vor dem Start gesagt: Die Leute müssen den neuen Modus spüren. Einerseits, um ihn besser zu verstehen. Und zum anderen, um ihn zu mögen. Ich glaube, gerade mit dem letzten Spieltag, der medial als „der größte aller Zeiten“ begleitet wurde, hat sich die Stimmung in die richtige Richtung entwickelt.

Was waren die Hauptgründe für die Entscheidung, das Format zu ändern und eine Ligaphase einzuführen?

Wir haben unsere Wettbewerbe analysiert und gesehen, dass die Schere zwischen Topf eins und Topf vier immer weiter auseinanderging. Wenn wir uns nach der Gruppenauslosung zusammengesetzt hätten, hätten wir wahrscheinlich zu 85 Prozent richtig getippt, welche Mannschaften weiterkommen. Viele Begegnungen haben sich auch wiederholt. Und die Kracher-Partien konnten durch das Topf-System gar nicht stattfinden.

Die Gruppenphase hatte ihren Reiz verloren.

Gewissermaßen, ja. Sie wurde zur Saison 2003/2004 eingeführt. Damals gab es noch kein iPhone, kein Youtube. Seitdem hat sich die Welt um den Fußball verändert. Deswegen wollten wir auch eine Champions League, die in diese neue Welt passt.

Im neuen Format stecken fast sechs Jahre Entwicklungszeit. Wie genau sieht ihre Rolle aus?

Meine Aufgabe ist das Competition Management, also die sportliche, fußballerische Seite unserer Wettbewerbe. Wir kümmern uns um die Strategie und die Entwicklung und sind dafür verantwortlich, dass die Regeln entsprechend umgesetzt und angewendet werden.

Sehen Sie das Potenzial, dass die neue Ligaphase die Attraktivität des Wettbewerbs auf lange Sicht erhöht?

Der Fußball lebt von Geschichten. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Manchester City, das es nur bis in die Playoffs geschafft und jetzt ausgeschieden ist. Das kann in einer Gruppenphase nicht passieren. Diese Geschichten entstehen in einer Ligaphase, weil alle Ergebnisse miteinander verknüpft sind. Deshalb glaube ich, dass uns das neue System noch lange begleiten wird.

Gibt es bereits Überlegungen, das Format weiter anzupassen?

Wir analysieren permanent. Ich persönlich sehe momentan jedoch nicht, wie man es noch weiter optimieren könnte. Wenn, dann vielleicht in der Produktdarstellung.

Was meinen Sie damit?

Canal+ und TNT haben einen extrem tollen Job gemacht, den letzten Spieltag zu übertragen. Das war super, weil sie sehr gut erklärt haben, was jedes einzelne Tor bedeutet. Sie haben das große Bild gesehen und die Geschichten dahinter super eingeordnet. Das können wir zusammen mit unseren Partnern noch optimieren.

Fans sehen durch die Reform eine Gefahr für die nationalen Wettbewerbe, da die international erfolgreichen Clubs immer mehr einnehmen und kleinere weitere zurückfallen. Welche Maßnahmen plant die UEFA, um sicherzustellen, dass die finanzielle Kluft nicht weiterwächst?

Dank des neuen Finanzverteilungssystems der UEFA profitieren nicht nur die teilnehmenden Teams, sondern auch die Vereine, die nicht an den wichtigsten europäischen Klubwettbewerben teilnehmen. Die Solidaritätszahlungen an nicht teilnehmende professionelle Vereine sind um 76 % gestiegen und erreichen jährlich 308 Millionen Euro. Dies ist ein erheblicher Anstieg von 175 Millionen Euro im Zyklus 2021–2024 und markiert die größte Erhöhung dieser Zahlungen seit Einführung des Systems.

Dennoch wirken Bundesligaspiele wie Kiel gegen Heidenheim im Vergleich nun noch farbloser, als ohnehin schon. Wie möchte die UEFA verhindern, dass der neue Modus langfristig die Attraktivität nationaler Ligen schwächt?

Grundsätzlich haben wir überhaupt kein Interesse daran, dass die nationalen Ligen ins Hintertreffen geraten. Sie sind das Rückgrat des europäischen Fußballs, über das man sich für unsere Wettbewerbe qualifiziert. Das ist die Pyramide, die wir verteidigen.

Was heißt das konkret?

Wir spielen unter der Woche, die nationalen Ligen am Wochenende. Und das wird auch so bleiben. Wir konzentrieren uns darauf, die Champions League so gut wie möglich zu machen – innerhalb der Grenzen, die wir nie überschreiten würden.


INTERVIEW: JOHANNES OHR

Artikel 1 von 11