Der Anzug des Anstoßes: Karl Geiger. © Schmidt/dpa
Trondheim – Die Misstöne kamen von einer Springerlegende. Adam Malysz war es, der den Finger hob. Und seine Worte richteten sich noch nicht einmal gegen einen der großen Sieger des Tages. Der Sprunganzug von Karl Geiger war es, der den Argwohn des heutigen polnischen Verbandschefs weckte. Stein des Anstoßes: eine Stofffalte, die beim WM-Wettbewerb von der kleinen Schanze mehrfach im Schrittbereich des Oberstdorfers zu sehen gewesen war.
Das ist deshalb auffällig, weil sich Springeranzüge laut Reglement eigentlich nur maximal vier Zentimeter vom Körper abheben dürfen. Bei den Materialkontrollen wurde Geiger nicht auffällig. Für Malysz jedenfalls war die Sache trotzdem klar: „Da stimmt etwas nicht.“
Allerdings: Die Diskussion ist in Trondheim nicht neu. Eurosport-Experte Martin Schmitt hatte kürzlich im Interview mit unserer Zeitung von Material-Tricksereien der gesamten Szene berichtet. Schmitt hatte Fernsehbilder vom Saisonbeginn mit aktuellem Material verglichen. Das Ergebnis: Das Gros der Springer lässt sich von deutlich mehr Textil in Richtung Tal tragen.
Kern des Problems: Die Materialkontrolleure messen die Anzüge in der Regel nur im Schritt. Mit den entsprechenden Bewegungen könne ein Athlet sein Outfit aber so in Position bringen, dass nicht beanstandet wird. „Diese Bewegungen“, sagte Schmitt, „werden trainiert.“ Sein Schluss: Die Kontrollen müssten deutlich schärfer und an mindestens zwei Körperstellen durchgeführt werden. Immerhin: Geiger erhielt in Trondheim auch Fürsprache. Allen voran von Andreas Stjernen, wie Schmitt Ex-Springer und heutiger TV-Experte. Der Norweger fand die Bilder des Deutschen zwar prinzipiell auch auffällig, rein optisch sei ein Verstoß aber kaum zu bewerten: „Wenn man den Anzug nicht komplett gestreckt sieht, gibt es keine Beweise.“
Sein Fazit: „Ich finde, die Polen sollten zuerst auf ihr eigenes Material und ihre eigenen Springer schauen, ehe sie die Anzüge der Deutschen attackieren.“ Landsmann Johan-Andre Forfang sah es im Dagbladet ähnlich: „Es ist schwer zu sagen, ob ein Anzug legal ist, wenn man sitzt. Ein Anzug ist nicht dafür gemacht, zu sitzen. Das sieht immer ein bisschen seltsam aus.“
Welche Schlüsse die Regelhüter des Weltverbandes FIS ziehen, bleibt eine andere Frage. Der Zeitpunkt der Diskussion weckt freilich unangenehme Erinnerungen. Denn am Mittwoch (16 Uhr) steht bei der Weltmeisterschaft mal wieder der Mixed-Wettbewerb an. Die deutsche Spezialdisziplin (zuletzt fünfmal WM-Gold) bescherte den Olympischen Spielen 2022 in Peking einen ihrer größten Tiefpunkte. Seinerzeit gab es vor allem bei den weiblichen Teilnehmern diverse Disqualifikationen. Darunter auch Topspringerinnen wie Katharina Althaus (heute Schmid) oder Sara Takanashi, die wegen Materialverstößen aus dem Wettbewerb genommen wurden.
PATRICK REICHELT