„Es wurde vieles verschlafen“

von Redaktion

Wie Claus Dethloff die deutsche Leichtathletik revolutionieren möchte

Der Münchner Yannick Wolf (r.) startet für Cologne Athletics. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/B.Hoffmann

Blickt voraus: Dr. Claus Dethloff © GUIDO ARIANS

Überflieger: Leo Neugebauer verleiht der deutschen Leichtathletik Glanz. © IMAGO

Dr. Claus Dethloff hat große Pläne: eine Revolution in der deutschen Leichtathletik. Der ehemalige Hammerwerfer und heutige Unternehmer hat mit Germany Athletics eine neue Dachmarke geschaffen, zahlreiche neue Vereine wie Cologne Athletics oder Frankfurt Athletics sind bereits in Metropolen entstanden. Bald gibt es auch einen Standort in München. Mit unserer Zeitung spricht der 56-Jährige über sein innovatives Konzept, die Schlafmützigkeit von Verbänden und Vereinen sowie Athleten als „Spielbälle“.

Claus Dethloff, was war der Anstoß bei Ihnen für Cologne Athletics?

Ich habe in Köln große Unzufriedenheit in der Leichtathletik-Szene registriert, bei den Athleten und Eltern. Nur wenige Vereine nahmen am Wettkampfbetrieb teil, bei den Deutschen Jugendmeisterschaften hatte Köln kaum eine Präsenz. Für eine Millionenstadt war das echt dürftig. Das Vereinssterben scheint seit Jahren unaufhaltsam zu sein. Mir wurde klar, dass sich die Leichtathletik flächendeckend und dezentral neu organisieren muss.

Wie sieht Ihr Konzept konkret aus?

Unser Konzept besteht nicht wie bislang aus einem Verein und einen Standort. Dann hat man nämlich nur ein Einzugsgebiet von wenigen Kilometern, selbst in einer Großstadt. Wir wollen viele Vereine an vielen Standorten wieder erstarken lassen, Jugendliche und Eltern benötigen ein attraktives Angebot vor der Haustür. Zum einen geschieht das durch einen von uns organisierten qualifizierten Trainerpool. Und auch ein Student will als Übungsleiter nicht mehr an einem Standort für zwei Stunden in der Woche Training anbieten, da verdient er in der Gastro mehr. Wenn ich ihm aber sage: Du bist Montag in der Schul-AG, Dienstag und Donnerstag bei dem Verein und Freitag bei einem anderen Verein, ist das deutlich lohnenswerter für ihn. Zudem können die Vereine nur durch Mitgliedsbeiträge nicht mehr den Leistungs- und Wettkampfsport stemmen. Das finanzieren wir mit.

Die Athleten trainieren also weiter bei ihren Vereinen, starten aber für Cologne Athletics, Frankfurt Athletics, Düsseldorf Athletics …

Die Athleten eines Partnervereins starten für einen Athletics-Club, haben auf der Brust aber auch das Logo ihres Heimatvereins. Wir greifen aber schon früher ein, nämlich bei den Kindern. Wir haben Schulsports-Clubs gegründet. Nachwuchssport in das Schulwesen integrieren, wie im amerikanischen System. Der Schulsportunterricht sieht doch häufig so aus: Ball reinwerfen, schauen, dass sich keiner verletzt und dann war es das. Die Sportlehrer sollen motiviert werden, leichtathletische Disziplinen einzuüben. Bei Schulsportveranstaltungen gibt es Medaillen und Pokale, wir locken auch mit Preisgeldern für die Mannschaftskasse, es gibt T-Shirts und Verpflegung. Im Nachgang findet bei unseren Kooperationsschulen eine Preisverleihung in der Aula mit der Schulleitung statt. Unsere Schulsportoffensive ist reine Basisarbeit.

Wäre diese Basisarbeit nicht auch die Aufgabe des Deutschen Leichtathletik Verbandes gewesen?

Ich denke, der DLV interpretiert seine Aufgaben anders. Sehe ich die Praxismaterialien und Unterrichtstipps für Schulen, so bedienen sie weniger das Leistungsprinzip, sie zielen doch eher auf Spaß und Spiel, zudem habe ich nicht erfahren, dass viel davon in den Schulen auch tatsächlich ankommt. Der aktuelle Zustand der Leichtathletik ist ohnehin wirklich mangelhaft, im Breiten- wie im Leistungssport. Da wurde vieles jahrelang verschlafen, auch von den Verbänden und Vereinen. Über 20, 30 Jahre hat man sich nicht ernsthaft um einen qualifizierten Trainernachwuchs gekümmert. Da gibt es ein riesiges Loch. Nur 15 bis 20 Prozent der Athleten zeigen beim Saisonhöhepunkt auch ihre Saisonbestleistung. Das ist schon alarmierend. Die Medaillen-Erfolge von Paris sind ja auch keine Verbandsprodukte. Neugebauer trainiert in den USA, Lückenkemper trainiert in den USA. Mihambo und Ogunleye arbeiten eher im Sinne eines Heimtrainer-Athlet-Gespanns. Wenn vermeintliche Verbands- und Vereinskonzepte nicht greifen, sollten die wenigen noch anzutreffenden Erfolgsmodelle als Maßstab einer Neuausrichtung gelten.

Nationale Spitzensportler wie Yannick Wolf oder Tobias Potye haben sich den Cologne Athletics schon angeschlossen.

Es geht mir um Leistungssport und so, wie ein Gymnasiast sich auf einer Förderschule wohl kaum richtig aufgehoben fühlt, benötigen Spitzensportler auch ihre eigenen Rahmenbedingungen. Wir wollen wieder eine Breite in der Spitze der Leichtathletik, die auch im internationalen Bereich Erfolge sammelt. Wir bieten eine bedarfsorientierte Athletenförderung. Wir planen mit dem Athleten über mehrere Jahre, und nicht nur auf Sicht. Dieses, von Jahr zu Jahr denken, belastet die Athleten nur. Heute bist du im Kader, dann ist einiges besser. Übermorgen bist du raus, dann ist alles schlecht. Es ist doch eigentlich nicht zu übersehen, dass das System dysfunktional ist. Die Athleten werden an zentrale Stützpunkte gelockt, fast schon erpresst. Da gibt es 30-seitige Athletenverträge von Vereinen, die juristisch niemals Bestand hätten. Der Sportler verkauft Leib und Seele für ein paar Euro im Monat. Den Athleten fehlen beispielsweise Zuverlässigkeit und Wertschätzung, das haben wir ganz häufig gehört. Die so genannten Großvereine verlassen sich auf ihre Monopolstellung, da ist Innovationskraft selten. Die verdeutlichen auch den Nachwuchstalenten relativ schnell, dass sie im Umkreis von 200 Kilometern keinen anderen Verein mit entsprechender Infrastruktur finden und somit alternativlos sind. Die Athleten sind meist nur Spielbälle.

Germany Athletics wächst immer weiter, auch die Munich Athletics stehen schon in den Startlöchern.

Für das Sponsoring ist ein starkes Label wichtig und Reichweite. Wir bauen ein deutschlandweites Netzwerk auf, im Schul- und Leistungssport. Das System, das bei Cologne Athletics funktioniert, werden wir also deutschlandweit kopieren. Wir verfolgen das Ziel, in jeder Großstadt und in jeder Metropolregion einen Athletics-Club zu gründen. Ich muss dafür auch niemanden abwerben, die Athleten und Trainer kamen und kommen auf uns zu. Wir bekommen jeden Tag neue Anfragen. Im Herbst beginnt wieder die Wechselfrist, bis dahin werden wir auch Munich Athletics als Verein vollständig installiert haben. Und in München wollen wir nicht nur individuell die Spitzensportler unterstützen, sondern auch den Schulsport angehen.

Und Sie planen auch eine eigene Liga für die Leichtathletik.

Zwei oder drei Höhepunkte im Jahr, die von einigen Top-Athleten dann auch noch nicht einmal komplett wahrgenommen werden, ist viel zu wenig, um im Konzert des kommerzialisierten Sports erfolgreich mitwirken zu können, das betrifft auch Athleten als Kleinunternehmer und vor allem die Sportart Leichtathletik als Ganzes. Mit einer nationalen Leichtathletik-Liga hätten wir eine dauerhafte Präsenz. Die Spieltage sollen nur zwei bis zweieinhalb Stunden dauern, das Veranstaltungsformat muss Event-Charakter haben.


INTERVIEW:

NICO-MARIUS SCHMITZ

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