Berechtigte breite Brust: Leon Goretzka, der zeitweise nicht mal mehr im Spieltagskader stand, hat sich beim FC Bayern in die Startelf zurückgekämpft. © dpa/Tom Weller
München – Es ist erstaunlich, wie schnell sich das Blatt im Fußball wenden kann. Noch im Sommer galt Leon Goretzka als Verkaufskandidat Nummer eins beim FC Bayern, und das hatte einen einfachen Grund: Der Sechser spielte in den Planungen des neuen Trainers Vincent Kompany keine Rolle, vor ihm galten Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlovic und Joao Palhinha als gesetzt.
Außerdem musste der FCB Geld für Transfers einnehmen. Goretzka, der mit einem kolportierten Jahresgehalt von 17 Millionen Euro zu den Topverdienern zählt, sollte daher den Verein verlassen – bestenfalls gegen Ablöse. Das Problem: Goretzka selbst wollte nicht wechseln – doch genau das zahlt sich nun für den Rekordmeister aus: In den vergangenen Monaten kämpfte sich der Mittelfeldspieler immer weiter in die Startelf zurück. Nachdem er zu Beginn der Saison komplett außen vor war – Goretzka kam an den ersten sechs Bundesliga-Spieltagen auf eine (!) Minute Spielzeit –, ist er inzwischen wieder Stammspieler. Wie hart war der Weg zurück? „Es hat etwas schwierig angefangen mit weniger Spielzeiten für mich. Ich habe versucht, weiter dranzubleiben und meinen Job zu machen“, erklärte Goretzka auf der Pressekonferenz am Montag. „Inzwischen stehe ich wieder häufiger auf dem Platz. Darüber bin ich glücklich und zufrieden. So darf es weitergehen.“
Der Ex-DFB-Kicker zeigte sich dabei ungewohnt offen: Seit seiner Ausbootung vermied er Interviews mit der Presse – nun gab Goretzka auch Einblicke in seine Gefühlswelt der vergangenen Monate. „Es ist immer eine Frage der richtigen Einordnung. Man muss schauen, dass man die Dinge nicht zu nah an sich heran lässt und hart an sich arbeitet, und seinen Job machen. Ich bin auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Arbeit dann lohnen kann.“
Dafür gab es auch lobende Worte von seinem Trainer: „Leon hat immer weiter trainiert und gekämpft. Es war nicht einfach für ihn. Aber es war gut und wichtig, dass der Verein ehrlich war. Danach hat er auf dem Platz gesprochen“, sagte Kompany und ergänzte: „Das zeigt seine Resilienz. Die Geschichte von Leon ist positiv für den Kader, auch für die anderen Jungs.“
Mit Blick auf seinen Vertrag bis 2026 stellt sich nun die Frage, wie der FC Bayern auf Goretzkas aktuelles Formhoch reagiert. Dieser Sommer wäre die letzte Möglichkeit, eine Ablöse für ihn zu bekommen. Sein hohes Gehalt ist den Bossen schließlich weiter ein Dorn im Auge, weil sie den klaren Auftrag haben, das Gehaltsgefüge zu senken. Außerdem steht mit Hoffenheim-Neuzugang Tom Bischof ab Sommer ein Talent bereit, das Spielzeit auf der Doppelsechs benötigt.
Wenn Pavlovic kränkelt, ist der alte Goretzka da
Andererseits zeigten die vielen krankheitsbedingten Ausfälle von Pavlovic (verpasste schon die EM wegen einer Mandelentzündung und lag auch danach mit Infekten flach) und die bislang enttäuschenden Leistungen von Palhinha (gegen Bochum sah er die Rote Karte), dass der Rekordmeister schnell wieder eine Lücke vor der Abwehr bekommen kann, die Goretzka bisher stets souverän geschlossen hat.
Mit seinen starken Leistungen tut der 30-Jährige derzeit jedenfalls alles, um sich über einen Vertrag über 2026 hinaus – womöglich zu verringerten Bezügen – zu empfehlen. Könnte dann auch die Nationalelf wieder ein Thema für ihn werden? „Ich bin nicht im Kontakt mit Julian Nagelsmann. Aber wenn er anruft, werde ich abnehmen und mit ihm sprechen.“
V. TSCHIRPKE, M. BONKE